Berlin-Hellersdorf, Frühjahr 1995. Ein leerer Jugendclub. Ein junger Pastor, ein Topf mit Nudeln, Tomatensoße und eine Handvoll Kinder. Daraus entsteht ein Werk, das heute zu den bekanntesten Hilfsorganisationen Deutschlands zählt: Die Arche – Christliches Kinder- und Jugendwerk e. V. Bernd Siggelkow, damals Jugendpastor, sah Kinder, die mit leeren Brotdosen zur Schule gingen, ohne Mittagessen und ohne Ansprechpartner. Er handelte. „Ich wollte, dass Kinder spüren, dass sie wertvoll sind“, sagt er heute. Drei Jahrzehnte später zieht er Bilanz – und die fällt ernüchternd aus. „Die Kinderarmut in Deutschland hat sich seitdem verdreifacht. Wir haben es nicht geschafft, die Ursachen zu bekämpfen.“
Vom Kellerraum zum bundesweiten Netzwerk
Was mit wenigen Tellern Nudeln in Berlin-Hellersdorf begann, ist heute ein bundesweites Netzwerk mit mehr als 30 Standorten. In Berlin, Hamburg, München, Düsseldorf, Leipzig, Bremen, Potsdam und vielen weiteren Städten arbeiten haupt- und ehrenamtliche Teams täglich mit Kindern aus sozial belasteten Familien. Mehr als 5.000 Kinder und Jugendliche besuchen regelmäßig eine Arche. Sie essen dort, machen Hausaufgaben, lernen Instrumente, spielen Fußball, reden über Sorgen. Familien erhalten Beratung, Lebensmittelpakete oder Unterstützung bei Behördenangelegenheiten. Rund eine Million kostenlose Mahlzeiten werden jedes Jahr ausgegeben. In der Coronazeit betreute die Arche allein in Berlin 1.600 Familien, lieferte 30.000 Lebensmittelpakete aus und stellte digitale Lernangebote bereit. „Wir ersetzen keine Eltern und keinen Staat. Wir zeigen, dass jedes Kind zählt“, sagt Siggelkow.
Ein Spiegel der Gesellschaft
Die Arche ist mehr als eine Hilfsorganisation. Sie ist Gradmesser sozialer Realität. Fast jedes fünfte Kind in Deutschland lebt laut Statistischem Bundesamt in Armut oder ist davon bedroht. In Großstädten wie Berlin, Bremen oder Leipzig liegt die Quote deutlich höher. Für viele Familien reicht das Einkommen kaum für Miete, Kleidung und Essen. Die Folgen sieht man in den Einrichtungen: Kinder, die hungrig kommen, mit Lernrückständen kämpfen und zu Hause keinen eigenen Platz zum Lernen haben. „Wir haben Fünftklässler, die sagen: ‚Wenn ich erwachsen bin, werde ich Bürgergeldbezieher.‘ Das zeigt, wie tief die Hoffnungslosigkeit sitzt“, sagt Siggelkow. Die Arche versucht, diese Kinder zu stärken – mit Bildung, Vertrauen und Gemeinschaft. Sie gibt Nachhilfe, organisiert Sport- und Musikangebote, schafft stabile Beziehungen. „Was vielen fehlt, ist nicht Geld, sondern Perspektive und Würde“, sagt der Gründer.
Eine 30-jährige Bilanz
Seit 1995 hat die Arche Zehntausenden Kindern geholfen. Sie hat unzählige Schulabschlüsse ermöglicht, Ausbildungsplätze vermittelt und Familienkrisen abgefedert. Viele ehemalige Arche-Kinder arbeiten heute selbst als Pädagogen oder Sozialarbeiter in den Einrichtungen. Doch Siggelkow bleibt kritisch: „Wir feiern kein Märchen. Wir feiern 30 Jahre Überlebenshilfe. Der Erfolg der Arche zeigt den Misserfolg der Gesellschaft.“ Er fordert ein entschlosseneres Handeln der Politik. „Kinderarmut ist kein Randthema, sie zerstört Zukunft. Wir brauchen echte Bildungsgerechtigkeit, weniger Bürokratie und eine Familienpolitik, die bei den Kindern ankommt.“
Neue Herausforderungen
Die Arche steht heute vor neuen Aufgaben. Migration, Wohnungsknappheit und steigende Lebenshaltungskosten treffen viele Familien hart. In manchen Einrichtungen sind über 80 Prozent der Kinder auf Sozialleistungen angewiesen. Deshalb richtet die Arche ihre Arbeit neu aus. Neben den klassischen Angeboten setzt sie stärker auf Sprachförderung, berufliche Orientierung und Elternarbeit. „Wir wollen Kinder nicht nur auffangen, sondern befähigen“, sagt Siggelkow. Auch digitale Bildung spielt eine wachsende Rolle. Tablets, Lernräume und Nachhilfeangebote sollen Kindern den Zugang zu digitalem Lernen erleichtern.
Die Arche – drei Jahrzehnte Engagement
Im Jubiläumsjahr 2025 steht die Arche im Fokus. Zahlreiche Städte veranstalten Feste, Gottesdienste und Benefizaktionen. Unterstützer, Prominente und ehemalige Kinder erzählen ihre Geschichten. Siggelkow nutzt die Aufmerksamkeit, um den Kern seiner Botschaft zu wiederholen: „Kein Kind darf hungrig ins Bett gehen. Kein Kind darf ohne Hoffnung aufwachsen. Wenn wir das akzeptieren, verlieren wir unsere Menschlichkeit.“
Auch nach 30 Jahren ist die Arche nicht müde geworden. Jeden Tag kochen Mitarbeiter Mahlzeiten, hören Kindern zu, helfen Eltern beim Ausfüllen von Formularen, organisieren Ferienfreizeiten. Alles finanziert durch Spenden. Rund 90 Prozent der Mittel stammen von Privatpersonen, Kirchen und Unternehmen. Siggelkow weiß: „Wir können nicht jedes Kind retten. Aber jedes Kind, das bei uns lacht, ist ein Gewinn“.
Dieser Artikel ist in Zusammenarbeit mit Die Arche – Christliches Kinder- und Jugendwerk e. V. entstanden.











