Soziale Verantwortung

„Hunger ist kein Naturgesetz, es ist eine Frage der Verteilung“

Hunger

Hunger betrifft heute mehr Menschen als noch vor zehn Jahren. Laut Vereinten Nationen hat sich die Zahl der chronisch Unterernährten seit 2015 wieder deutlich erhöht. Kriege, Klimawandel und steigende Lebensmittelpreise treffen vor allem die Ärmsten. Dabei gäbe es genug Nahrung, um alle zu versorgen. Warum es trotzdem an gerechter Verteilung fehlt und welche Lösungen es gibt, erklärt Dr. Lukas Reinhardt, Experte für globale Ernährungssysteme, im Gespräch.

Dr. Lukas ReinhardtErnährungswissenschaftler mit Schwerpunkt Welternährung

Dr. Lukas Reinhardt
Ernährungswissenschaftler mit Schwerpunkt Welternährung

Herr Dr. Reinhardt, laut UN hungern weltweit wieder mehr Menschen. Woran liegt das?

In den letzten Jahren haben Konflikte, Klimakrisen und steigende Lebensmittelpreise die Lage verschärft. Laut FAO sind derzeit über 735 Millionen Menschen chronisch unterernährt.¹ Das ist fast jeder zehnte Mensch auf der Erde. Dabei gäbe es genug Nahrung für alle. Das Problem ist, dass sie ungleich verteilt ist und Millionen Menschen keinen Zugang zu gesunden Lebensmitteln haben.

Welche Regionen sind besonders betroffen?

Am stärksten leiden Ostafrika, der Nahe Osten und Teile Südasiens. In Ländern wie Somalia, Äthiopien oder dem Sudan führen Dürren, politische Instabilität und hohe Abhängigkeit von Importen zu Hungerkrisen.² In Subsahara-Afrika ist jedes fünfte Kind chronisch mangelernährt.¹ Das wirkt sich auf die Entwicklung, die Bildungschancen und die Lebenserwartung massiv aus. Auch in Teilen Lateinamerikas und Südostasiens nimmt die Ernährungsunsicherheit wieder zu, vor allem in ländlichen Regionen mit schwacher Infrastruktur.³

Wie groß ist der Einfluss des Klimawandels?

Sehr groß. Extreme Wetterereignisse wie Dürren, Überschwemmungen oder Stürme zerstören Ernten, erhöhen Lebensmittelpreise und treiben Menschen in Armut. Nach Angaben des Weltklimarats IPCC sinken die Ernteerträge in besonders heißen Regionen bereits um bis zu 30 Prozent.⁴ Wer ohnehin am Existenzminimum lebt, dentrifft das am härtesten.

Welche Verantwortung trägt der globale Norden?

Eine erhebliche. Länder mit hohem Einkommen sind nicht nur Hauptverursacher der Klimakrise, sie profitieren auch von einem Handelssystem, das Kleinbauern im Süden benachteiligt.² Etwa 70 Prozent der weltweit Armen leben in ländlichen Regionen und arbeiten in der Landwirtschaft.¹ Faire Handelsbedingungen, Investitionen in nachhaltige Anbaumethoden und der Abbau von Subventionen wären zentrale Schritte.

Was hilft langfristig gegen Hunger?

Nothilfe ist wichtig, löst aber keine strukturellen Probleme. Entscheidend sind Investitionen in lokale Landwirtschaft, Bildung und Infrastruktur. Programme, die Frauen stärken, sind besonders wirksam. Studien zeigen, dass Kinder in Haushalten mit gebildeten Müttern deutlich seltener unterernährt sind.¹ Auch Ernährungssicherheitspolitik muss lokaler gedacht werden. Weniger Abhängigkeit von Importen, mehr regionale Produktion.

Welche Rolle spielt Verschwendung?

Eine riesige. Rund ein Drittel aller weltweit produzierten Lebensmittel landet im Müll.⁵ Das entspricht etwa 1,3 Milliarden Tonnen pro Jahr. Allein in Europa werden pro Kopf fast 100 Kilogramm Lebensmittel jährlich weggeworfen.⁵ Wenn wir nur die Hälfte dieser Menge retten würden, könnten laut FAO 800 Millionen Menschen ernährt werden.¹

Was kann jeder Einzelne tun?

Bewusst einkaufen, weniger verschwenden, saisonal essen und Projekte unterstützen, die Ernährungssicherheit fördern. Noch wichtiger ist politischer Druck. Wir müssen Regierungen und Unternehmen daran erinnern, dass Hunger kein Schicksal ist, sondern ein politisches Versagen.

Was macht Ihnen Hoffnung?

Immer mehr junge Menschen engagieren sich für nachhaltige Ernährungssysteme. Lokale Initiativen, urbane Landwirtschaft oder Bildungsprojekte zeigen, dass Veränderung möglich ist. Hunger ist kein Naturgesetz. Wenn wir Ressourcen gerechter verteilen und Verantwortung ernst nehmen, kann die Weltgemeinschaft Hunger bis 2030 tatsächlich überwinden.

Quellen: ¹ FAO, The State of Food Security and Nutrition in the World 2024, ² Welternährungsprogramm (WFP), Global Report on Food Crises 2024, ³ UNDP, Human Development Report 2024, ⁴ Weltklimarat (IPCC), AR6 Synthesis Report 2023, 5 UNEP, Food Waste Index Report 2024

Das Interview führte Leonie Zell

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