Als Sabine Wilhelm mit Anfang 50 die Diagnose Brustkrebs erhält, beginnt eine Phase voller Behandlungen und Unsicherheit. Die erste Therapie schlägt an, Sabine gilt als genesen. Doch Jahre später kehrt die Krankheit zurück. Der Krebs hat gestreut. Heute lebt Sabine mit metastasiertem Brustkrebs. Im Gespräch erzählt sie, wie sich ihr Blick auf Zeit, Entscheidungen und ihr eigenes Leben verändert hat.
Liebe Sabine, wenn Sie an den Moment der Diagnose zurückdenken, was kommt Ihnen als Erstes in den Sinn?
Dieses Gefühl von Stillstand. Der Arzt sprach weiter, aber in meinem Kopf war es plötzlich ganz leise. Ich wusste nur noch, dass mein Leben in diesem Moment eine andere Richtung genommen hat und dass nichts mehr so selbstverständlich sein würde wie vorher.
Wie sind Sie mit dieser ersten Zeit umgegangen?
Ich habe schnell gemerkt, dass ich mehr Struktur brauche als früher. Ich war immer ein Typ, der Dinge hat auf sich zukommen lassen – alles kam, wie es eben kam. Nach der Diagnose habe ich mir bewusst Tage ohne Termine genommen, viel geschrieben und versucht zu verstehen, was jetzt passiert. Ich habe mich sehr intensiv mit meiner Krankheit auseinandergesetzt, denn mir war wichtig, nicht nur von einer Behandlung zur nächsten zu gehen, sondern zu begreifen, warum bestimmte Schritte nötig sind.
Die erste Therapie war erfolgreich. Wie haben Sie diese Phase erlebt?
Die Zeit war anstrengend, aber ich hatte ja ein Ziel. Ich hatte das Gefühl, ich arbeite auf etwas hin. Als die Behandlung abgeschlossen war und die Untersuchungen gut ausfielen, fiel eine große Last von mir ab. Ich dachte, jetzt kann ich langsam wieder ins Leben zurückfinden.
Doch dann kam der Rückfall.
Ja, das war ein großer Schock. Und diesmal war die Angst anders, viel größer als beim ersten Mal, denn jetzt ging es nicht mehr nur um Behandlungen, sondern um die Frage, wie viel Zeit mir bleibt und welche Lebensqualität ich noch haben werde.
In dieser Zeit haben Sie viel über die Eigenschaften eines Tumors erfahren. Wie wurde Ihnen das erklärt?
Sehr ruhig und verständlich. Ich hatte großes Glück, dass meine Ärztin mir alles in Laiensprache erklärt hat. Sie hat mir gesagt, dass jeder Krebs seine eigenen Eigenarten hat. Dass man genau hinschauen muss, was ihn antreibt. Diese Informationen helfen dabei zu entscheiden, welche Behandlung Sinn macht. Für mich war das ein Aha-Moment. Es ging nicht nur um irgendeinen Krebs, sondern um meinen.
Was hat dieses Wissen mit Ihnen gemacht?
Es hat mir Sicherheit gegeben. Nicht weil alles gut war, sondern weil Entscheidungen nachvollziehbar wurden und ich dadurch auch das Gefühl hatte, mitbestimmen zu können.
Auch privat hat sich vieles verändert.
Ja, leider ist meine Beziehung in dieser Zeit zerbrochen. Mein Partner konnte mit der Krankheit nicht umgehen. Ich bin dann zu meiner Schwester aufs Land gezogen. Das war für mich die beste Entscheidung. Ich habe die Großstadt und all den Stress hinter mir gelassen und irgendwie noch einmal neu angefangen.
Wie leben Sie heute?
Immer noch bei meiner Schwester und viel bewusster. Ich arbeite weniger und höre schneller auf meinen Körper. Ich engagiere mich für andere Betroffene, weil ich weiß, wie wichtig es ist, verstanden zu werden. Die Krankheit gehört zu meinem Leben und wird nie wieder weg sein, aber sie bestimmt nicht jeden meiner Tage.
Was möchten Sie Menschen mitgeben, die gerade am Anfang stehen?
Fragt nach und lasst euch Dinge erklären, bis ihr sie wirklich versteht.
Das Interview führte Emma Howe.











