Eine Brustkrebsdiagnose verändert alles. Plötzlich bestimmen medizinische Fachbegriffe, Untersuchungen, Prognosen und Therapieentscheidungen den Alltag. Viele Patientinnen fühlen sich in dieser Situation überfordert und alleingelassen. Prof. Dr. Pia Wülfing, Gynäkologin mit über 20 Jahren Erfahrung im Brustzentrum und Gründerin von PINK!, erklärt im Interview, wie digitale Angebote Orientierung geben, Selbstwirksamkeit fördern und Frauen dabei unterstützen können, ihren Alltag wieder aktiver mitzugestalten.
Liebe Frau Prof. Dr. Wülfing, der Moment der Diagnose reißt Frauen völlig aus ihrem geregelten Leben. Welche Erfahrungen aus Ihrer langjährigen Praxis als Gynäkologin haben Sie dazu bewogen, digitale Unterstützungssysteme für Betroffene aufzubauen?
Es gab unzählige Momente in meiner Sprechstunde, in denen mir bewusst wurde, wie viele Fragen die Patientinnen hatten und wie viel Angst ihnen die Erkrankung machte. Vor allem zwischen den Terminen fühlen sich viele Frauen alleingelassen. In der emotionalen Ausnahmesituation nach einer Brustkrebsdiagnose kann das Gehirn die Fülle an medizinischen Details verständlicherweise kaum abspeichern. Immer häufiger kam in den Gesprächen die Bitte auf, das Besprochene mit einem Diktiergerät oder dem Handy aufnehmen zu dürfen, um es später zu Hause noch einmal in aller Ruhe anzuhören. Die Frauen wollten die komplexen Informationen in einem geschützten Rahmen, gemeinsam mit ihren Angehörigen oder Partnern, verarbeiten. Ich dachte mir: Es müsste dafür eine verlässliche und strukturierte Lösung außerhalb der Sprechstunde geben. Genau so entstand die Idee für PINK! Coach, die App, die Brustkrebspatientinnen Schritt für Schritt durch die Phasen der Erkrankung begleitet. Wir geben kontinuierliche Orientierung und Unterstützung.
Sie haben mit Ihrer App PINK! Coach ein digitales Angebot etabliert, das kostenlos auf Rezept erhältlich ist. Was unterscheidet diese Anwendung von klassischen Informationsportalen im Internet?
Im Internet finden Patientinnen zwar eine Fülle an Informationen. Für die meisten Frauen ist es jedoch kaum möglich zu beurteilen, welche davon wissenschaftlich fundiert und verlässlich sind. Mit PINK! Coach möchten wir deshalb eine vertrauenswürdige Referenz bieten: mit streng evidenzbasiertem Wissen, das verständlich und alltagstauglich aufbereitet ist. Gleichzeitig geht die App über ein klassisches Informationsportal weit hinaus. Sie begleitet die Patientinnen interaktiv von der Diagnose über die Therapie bis in die Nachsorge. Ein wichtiger Schwerpunkt ist dabei der Umgang mit Nebenwirkungen, die viele Patientinnen stark belasten. Hier bietet die App zahlreiche Inhalte und konkrete Hilfestellungen, um Beschwerden besser einzuordnen, zu lindern und im Alltag besser damit umzugehen.
Die App basiert auf den drei großen Säulen Ernährung, Bewegung und mentale Gesundheit. Wie greifen diese Bereiche im Alltag der Patientinnen ineinander?
Diese drei Bereiche sind medizinisch untrennbar miteinander verbunden und unterstützen sich gegenseitig. Keine Säule ist wichtiger als die andere. Die Ernährung beispielsweise beeinflusst das Darmmikrobiom und damit nachweislich auch die psychische Gesundheit. Bewegung wiederum, wie gezieltes Yoga oder moderates Krafttraining, baut nachweislich Stresshormone ab und stärkt Körper und Geist. Und die mentale Gesundheit ist oft das entscheidende Fundament, um die Kraft aufzubringen, die anstrengende Krebstherapie überhaupt erst erfolgreich zu meistern. Viele Frauen haben im Laufe ihres Lebens gelernt, immer nur für andere da zu sein. In der App lernen sie durch praktische Übungen und Videos, sich selbst und die eigenen Bedürfnisse wieder in den Fokus zu rücken.
Ein zentraler Begriff Ihrer Arbeit ist das Vermitteln von Selbstwirksamkeit. Warum ist dieser psychologische Aspekt bei Krebs so entscheidend?
Das Gefühl der Selbstwirksamkeit ist ein absolut zentrales Element der Krankheitsbewältigung. Mit der Diagnose fühlen sich viele Frauen zunächst fremdbestimmt: Termine, Untersuchungen und Therapiepläne geben den Takt vor. In der App setzen wir dem etwas entgegen, indem wir die großen Herausforderungen in kleine, machbare Tagesziele unterteilen. Das kann ein Rezeptvorschlag sein, eine kurze Sporteinheit oder eine geführte Meditation. Die Vorschläge richten sich nach Therapiephase und Situation der Patientin. Wenn Frauen merken, dass sie durch ihr eigenes Handeln etwas bewirken können, sagen viele sinngemäß: „Ich kann mit meiner Erkrankung leben, ich gestalte meinen Alltag wieder selbst und habe die Kontrolle zurück.“
Sie haben die Wirksamkeit der App in klinischen Studien untersucht. Welche konkreten medizinischen Vorteile konnten Sie bei den Nutzerinnen nachweisen?
Für die DiGA-Zulassung muss ein positiver Versorgungseffekt wissenschaftlich belegt sein. Unsere Zulassungsstudie zeigte, dass PINK! Coach die psychische Belastung reduziert, die körperliche Aktivität steigert und die Lebensqualität verbessert. Auch beim Gewichtsmanagement zeigte die App positive Effekte. In mehreren psychologischen Parametern waren die Ergebnisse mit denen einer klassischen Psychotherapie vergleichbar.
Für die Betroffenen ist der barrierefreie Zugang entscheidend. Wie läuft der Verordnungsprozess in der Praxis ab, und wer übernimmt die Kosten?
Die Patientin bittet ihre Ärztin oder ihren Arzt, in der Frauenarztpraxis, in der Onkologie oder in der Hausarztpraxis, um ein Rezept für PINK! Coach, als klassisches Kassenrezept oder als ausgedrucktes E-Rezept. Das reicht sie bei ihrer Krankenkasse ein, bekommt einen Freischaltcode, lädt die App herunter und kann sofort anfangen. Die Rezepteinreichung übernehmen wir auf Wunsch auch für die Patientin.
Für gesetzlich Versicherte und viele Privatversicherte ist PINK! Coach kostenfrei, ohne Zuzahlung. Eine Verordnung gilt für 90 Tage und kann immer wieder verlängert werden.
Neben der App entwickeln Sie PINK! stetig weiter. Es gibt den psychoonkologischen Onlinekurs PINK! Leben und den kostenlosen PINK! Kongress Digital, der am 20. November wieder stattfindet. Ganz neu ist der Podcast „Frag doch mal PINK! – EXPERTEN-TALK“. Was erwartet die Frauen dort?
Im EXPERTEN-TALK spreche ich mit Expertinnen und Experten aus Medizin, Ernährung, Bewegung und Psychoonkologie über die Fragen, für die in der Sprechstunde oft die Zeit fehlt: von der Therapie über die Nachsorge bis zu der Frage, was die Diagnose für Partner, Familie und Kinder bedeutet. Zuhören kann man beim Spazierengehen oder auf dem Sofa. Die Folgen gibt es ab Oktober überall, wo es Podcasts gibt, alle Infos unter pink-brustkrebs.de/brustkrebs/podcast.
Weitere Informationen: www.pink-brustkrebs.de
Das Interview wurde zusammen
mit PINK! gegen Brustkrebs umgesetzt













