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Ernährung bei Krebs – wenn Essen zur Herausforderung wird

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Appetitlosigkeit, Gewichtsverlust und Unsicherheit beim Essen begleiten viele Krebspatienten während der Therapie. Was früher selbstverständlich war, wird zur täglichen Herausforderung. Gleichzeitig steigt der Bedarf an Energie und Nährstoffen deutlich. Eine gezielte ernährungsmedizinische Betreuung hilft, Mangelernährung zu vermeiden, körperliche Kraft zu erhalten und die Behandlung besser zu bewältigen. Ernährungsberater und Diätassistent Andreas Mühlheimer erläutert im Interview, worauf es ankommt und welche Maßnahmen sich im Versorgungsalltag bewährt haben.
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Andreas Mühlheimer Ernährungsberater und Diätassistent

Herr Mühlheimer, viele Krebspatienten empfinden Essen als belastend. Woran liegt das aus Ihrer Sicht?

Die Erkrankung und die Therapie verändern den Stoffwechsel deutlich. Studien zeigen, dass bis zu 70 Prozent der Krebspatienten im Verlauf ihrer Erkrankung unter Appetitverlust leiden. Geschmack, Geruch und Verdauung verändern sich. Essen verliert seine Selbstverständlichkeit und wird zur Belastung.

Welche Probleme begegnen Ihnen in der Praxis am häufigsten?

Gewichtsverlust und Muskelabbau sind sehr häufig. Je nach Tumorart sind 30 bis 50 Prozent der Patienten mangelernährt. Besonders kritisch ist der Verlust von Muskelmasse. Dieser kann auch bei stabilem Körpergewicht auftreten.

Welche Folgen hat es, wenn Patienten über längere Zeit zu wenig essen?

Bereits ein ungewollter Gewichtsverlust von mehr als fünf Prozent innerhalb von drei Monaten gilt als klinisch relevant. Die körperliche Leistungsfähigkeit sinkt. Die Therapieverträglichkeit verschlechtert sich. Auch das Risiko für Therapieunterbrechungen steigt.

Welche Bedeutung hat eine frühe Ernährungsberatung?

Frühe Intervention zeigt klare Effekte. Studien belegen, dass eine rechtzeitige Ernährungstherapie Gewichtsverlust reduziert und die Lebensqualität verbessert. Patienten bleiben belastbarer und stabiler durch die Therapie.

Wie sieht eine gute ernährungstherapeutische Betreuung aus?

Sie orientiert sich am individuellen Bedarf. Der Energiebedarf liegt bei vielen Krebspatienten bei etwa 25 bis 30 Kilokalorien pro Kilogramm Körpergewicht pro Tag. Der Eiweißbedarf ist erhöht und liegt häufig bei 1,2 bis 1,5 Gramm pro Kilogramm Körpergewicht.

Welche Rolle spielt Eiweiß in der Ernährung von Krebspatienten?

Eiweiß ist entscheidend für den Erhalt der Muskelmasse. Studien zeigen, dass ein niedriger Eiweißstatus mit höherer Fatigue und geringerer Belastbarkeit einhergeht. Über normale Mahlzeiten wird der Bedarf oft nicht erreicht.

Wann kommen ergänzende Ernährungslösungen wie Trinknahrung zum Einsatz?

Wenn Patienten weniger als 75 Prozent ihres Energiebedarfs über normale Kost decken. Das ist in der Praxis häufig der Fall. Besonders bei anhaltender Appetitlosigkeit oder frühen Sättigungsgefühlen.

Welche Vorteile sehen Sie bei Trinknahrung aus fachlicher Sicht?

Sie liefert definierte Mengen an Energie und Nährstoffen in kleinen Portionen. Eine Portion kann 300 Kilokalorien oder mehr enthalten. Das erleichtert die Versorgung, wenn große Mahlzeiten nicht möglich sind.

Wie wird Trinknahrung in der Praxis eingesetzt?

Oft ergänzend über den Tag verteilt. Ziel ist es, den täglichen Energie- und Eiweißbedarf zu sichern. In belastenden Phasen kann sie einen relevanten Anteil der Gesamtzufuhr übernehmen.

Gibt es typische Fehler im Umgang mit Ernährung bei Krebs?

Ernährungsprobleme werden häufig erst spät adressiert. Daten zeigen, dass viele Patienten erst bei ausgeprägtem Gewichtsverlust ernährungsmedizinisch betreut werden. Dabei wären frühe Maßnahmen deutlich wirksamer.

Warum werden Ernährungsprobleme bei Krebspatienten häufig so spät thematisiert?

Ernährung wird im Behandlungsalltag oft als nachrangig wahrgenommen. Der Fokus liegt auf Tumortherapie. Gewichtsverlust wird teilweise als normale Begleiterscheinung akzeptiert. Zudem fehlen in vielen Strukturen feste Screeningverfahren. Ohne systematische Erfassung bleibt Mangelernährung lange unentdeckt.

Wie wirkt sich eine stabile Ernährung auf den Therapieverlauf aus?

Ein guter Ernährungszustand ist mit besserer Therapietreue verbunden. Studien zeigen weniger Komplikationen, kürzere Krankenhausaufenthalte und eine stabilere Lebensqualität.

Was wünschen Sie sich für die Versorgung von Krebspatienten?

Ernährung sollte früh und verbindlich Teil der Therapie sein. Regelmäßige Screenings auf Mangelernährung sollten Standard werden.

Das Interview führte Leonie Zell.

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