Die Diagnose Bauchspeicheldrüsenkrebs trifft Betroffene und ihre Angehörigen oft unvorbereitet – und sie wiegt schwer, denn das Pankreaskarzinom zählt zu den Krebserkrankungen mit der schlechtesten Prognose. Die Erkrankung wird häufig erst spät erkannt, da die frühen Symptome unspezifisch sind. Während eine Operation die besten Chancen bietet, ist diese bei vielen Patienten nicht möglich. Die klassische Chemotherapie als Standardtherapie hat zudem erhebliche Nebenwirkungen. Umso wichtiger sind Behandlungsansätze, die gezielter wirken und die Lebensqualität möglichst erhalten. Mit der regionalen Chemotherapie (RCT) und der Elektrochemotherapie stehen innovative Kombinationsverfahren zur Verfügung, die genau das ermöglichen. Im Interview erklärt Prof. Dr. Karl R. Aigner, Ärztlicher Direktor und Chefarzt am Medias Klinikum in Burghausen, der zu den Pionieren der Regionalen Chemotherapie weltweit gehört und sich seit mehr als 40 Jahren mit der RCT beschäftigt und heute international zu den erfahrensten Medizinern dieser Behandlungsmethode zählt, wie diese Methoden funktionieren und welche Fortschritte sie bieten.
Herr Prof. Dr. Aigner, was genau versteht man unter Regionaler Chemotherapie und wie unterscheidet sich dieser Ansatz von der klassischen Chemotherapie?
Die Regionale Chemotherapie unterscheidet sich grundlegend von der klassischen, systemischen Chemotherapie: Während sich bei Letzterer der Wirkstoff über den ganzen Körper verteilt und auch gesundes Gewebe belastet, bringen wir die Medikamente bei der Regionalen Chemotherapie gezielt und unverdünnt in das betroffene Gebiet. So erreichen wir vielfach höhere Konzentrationen direkt im Tumor. Durch die anschließende Chemofiltration, eine Art Blutwäsche, werden überschüssige Wirkstoffe zudem wieder aus dem Blut herausgefiltert. So gelangen die Medikamente nicht in den gesamten Kreislauf. Das reduziert Nebenwirkungen deutlich und erhält die Lebensqualität weitestgehend.
Wie kann die Elektrochemotherapie diesen Ansatz ergänzen?
Die Elektrochemotherapie verstärkt die Wirkung der Regionalen Chemotherapie. Bei der sogenannten „reversiblen Elektroporation“ machen kurze elektrische Impulse die Zellmembran der Tumorzellen für einen Moment durchlässiger. Die Wirkstoffe können so besser in die Zellen eindringen. Der große Vorteil: Wir können die Dosierung der Chemotherapie deutlich reduzieren, und das bei gleichzeitig verbesserter Wirksamkeit. Das bedeutet weniger Nebenwirkungen für die Patienten.
Ist die Elektroporation bei jedem Patienten möglich?
Leider nein. Beim Pankreaskarzinom stehen wir vor der besonderen Herausforderung, dass der Tumor häufig an Stellen wächst, die gefährlich nahe an Blutgefäßen oder anderen empfindlichen anatomischen Strukturen liegen. Diese Bereiche sind mit den Elektroden schwer erreichbar, sodass eine Elektroporation nicht immer möglich ist. Für solche Fälle kommt nur die isolierte Perfusion in Kombination mit der intraarteriellen Infusionschemotherapie zum Einsatz.
Wie funktioniert die isolierte Perfusion?
Über die Blutgefäße in der Leistengegend werden Ballonkatheter eingesetzt, welche die Tumorgegend kurzzeitig vom restlichen Blutkreislauf isolieren. Ein weiterer Katheter wird arteriell in Tumornähe platziert. Darüber werden dann die Krebsmedikamente (Zytostatika) unverdünnt in den Tumor gespritzt. So können die Zytostatika besonders gut in das bösartige Gewebe eindringen. Durch das mit Ballonkathetern verkleinerte Behandlungsvolumen erreichen wir mit einer geringeren Dosis so deutlich höhere Wirkstoffkonzentrationen als bei der klassischen Chemotherapie.
Für welche Patienten kommen diese Verfahren infrage?
Die Regionale Chemotherapie ist besonders geeignet für Patienten mit inoperablem Pankreaskarzinom. Auch wenn eine klassische Chemotherapie wegen der starken Nebenwirkungen nicht möglich ist oder wegen einer Tumorresistenz nicht mehr wirkt, können wir oft noch Behandlungsoptionen anbieten. Das gilt auch für viele Patienten mit anderen Tumoren, die bereits andere Therapien hinter sich haben.
Wie verträglich sind diese Verfahren?
Die Verträglichkeit ist gut. In unseren Studien traten in der Regel nur leichte Beschwerden wie vorübergehende Übelkeit oder Müdigkeit auf. Schwere Nervenschäden, wie sie bei der klassischen Chemotherapie häufig vorkommen, haben wir nicht beobachtet.
Viele Patienten mit fortgeschrittenem Bauchspeicheldrüsenkrebs leiden unter Bauchwasser. Können die Verfahren auch hier helfen?
Bauchwasser ist für Betroffene extrem belastend: Der Bauch schwillt an, das Atmen fällt schwer, Essen wird zur Qual. Bislang gab es kaum wirksame Behandlungen dagegen. Umso wichtiger sind unsere Ergebnisse: Bei 33 von 36 Patienten bildete sich das Bauchwasser unter der Perfusionschemotherapie vollständig zurück. Für Betroffene bedeutet das einen großen Gewinn an Lebensqualität.
Wie erfolgreich sind diese Behandlungen in der Praxis?
In unserer Beobachtungsstudie mit 454 Patienten mit fortgeschrittenem Bauchspeicheldrüsenkrebs haben wir ermutigende Ergebnisse gesehen: Bei über 60 Prozent der Patienten sprach der Tumor auf die Therapie an. Er wurde kleiner oder bildete sich vollständig zurück. Besonders bemerkenswert: Unter der Kombinationstherapie aus intraarterieller Infusion und isolierter Perfusion überlebte knapp die Hälfte der Patienten im Stadium III länger als ein Jahr. Etwa 20 Prozent lebten sogar noch viereinhalb Jahre nach Therapiebeginn. Für eine Erkrankung mit einer durchschnittlichen 5-Jahres-Überlebensrate von unter fünf Prozent sind das bedeutsame Ergebnisse.
Welche Entwicklungen erwarten Sie in der Behandlung des Pankreaskarzinoms?
Der Trend in der Onkologie geht klar zur Kombination verschiedener Verfahren. Unser Einsatz von Regionaler Chemotherapie und Elektroporation zeigt, was mit lokalen Therapien möglich ist: hohe Wirksamkeit bei geringen Nebenwirkungen. Weitere Studien sollen diese Verfahren noch stärker im Behandlungsstandard verankern.
Vielen Dank, Prof. Dr. Aigner, für diese wichtigen Einblicke in neue Therapieoptionen bei Bauchspeicheldrüsenkrebs!
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Der Artikel ist in Zusammenarbeit mit dem Medias Klinikum entstanden.











