Viele Hundehalter setzen bei der Auslastung vor allem auf Bewegung: lange Spaziergänge, viel Beschäftigung, möglichst viel Aktivität. Trotzdem wirken viele Hunde unruhig oder finden schwer zur Ruhe. Dass es auch anders geht, zeigt Martin. Mit seiner Labradorhündin Lindsy hat er gelernt, Training neu zu denken – weg von reiner Beschäftigung hin zu echter Zusammenarbeit im Alltag.
Lieber Martin, viele sprechen davon, ihren Hund „auszulasten“. Was bedeutet das für dich heute?
Am Anfang hätte ich genau das gesagt, was man überall hört: viel Bewegung, viel machen, Hauptsache, der Hund ist müde. Genau so bin ich auch gestartet. Ich habe versucht, Lindsy möglichst viel zu bieten, lange Spaziergänge, viel Action, immer wieder neue Beschäftigung. Heute sehe ich das komplett anders. Ein müder Hund ist nicht automatisch ausgeglichen. Ich habe gemerkt, dass reine Aktivität oft nur dazu führt, dass der Hund immer mehr fordert und gleichzeitig schlechter zur Ruhe kommt. Für mich bedeutet Auslastung heute Zusammenarbeit. Der Hund muss verstehen, was ich meine, und ich muss klar arbeiten. Es geht nicht darum, wie viel ich mache, sondern darum wie wir es zusammen machen.
Du sprichst von einem Perspektivwechsel. Gab es einen konkreten Moment, der das ausgelöst hat?
Das war kein einzelner Moment, sondern eher ein Prozess. Aber es gab viele Situationen, in denen mir klar geworden ist, dass ich so nicht weiterkomme. Lindsy hat im Training oft einfach dichtgemacht. Ich wollte Fortschritte sehen, habe mehr Druck gemacht, schneller aufgebaut, mehr verlangt. Und genau dann ist nichts mehr gegangen. Irgendwann habe ich verstanden, dass das Problem nicht beim Hund liegt, sondern bei mir. Ich habe zu viel gewollt und vor allem die Zwischenschritte ignoriert. Ich wollte direkt zum Ergebnis, ohne den Weg sauber aufzubauen.
Wie war Lindsy am Anfang?
Sie war unsicher und schnell überfordert. Viele Dinge waren neu für sie. Selbst so etwas Alltägliches wie das Betreten der Wohnung war anfangs schwierig. Und ich habe direkt den klassischen Fehler gemacht. Ich bin rausgegangen, habe mit Leine gearbeitet, habe versucht, draußen zu trainieren. Für sie war das alles zu viel auf einmal. Rückblickend hätte ich viel früher anfangen müssen, die Dinge in Ruhe aufzubauen.
Was hast du konkret verändert?
Ich habe angefangen, alles extrem zu vereinfachen. Wirklich jeden einzelnen Schritt. Ich habe mir Situationen angeschaut, die ich vorher gar nicht als Training gesehen habe, und genau da angesetzt. Ein Beispiel, das für mich entscheidend war, ist das Anlegen des Halsbands. Bevor ich überhaupt draußen an der Leine gearbeitet habe, habe ich das in der Wohnung trainiert. Ohne Ablenkung, ohne Druck. Ich habe gewartet, bis sie ruhig bleibt, habe das Halsband angelegt und sie dafür bestätigt. Das klingt nach wenig, aber genau da hat sich etwas verändert. Es wurde ruhiger zwischen uns, klarer. Sie hat verstanden, was passiert, und ich habe gemerkt, wie wichtig diese kleinen Schritte sind.
Viele setzen bei aktiven Hunden stark auf Bewegung. Wie siehst du das heute?
Bewegung ist sehr wichtig, aber sie bringt alleine nichts. Ich habe das sehr deutlich beim Apportieren gemerkt. Früher habe ich einfach den Dummy geworfen und Lindsy ist hinterhergerannt. Das war Bewegung, aber keine echte Arbeit. Viele Hunde werden genau so beschäftigt. Sie rennen viel, aber sie werden nicht geführt. Heute ist das komplett anders aufgebaut. Sie wartet auf mein Signal, läuft gezielt los, nimmt den Dummy auf, kommt zurück, setzt sich vor mich und hält ihn ruhig, bis ich ihn abnehme. Früher hat sie ihn einfach fallen lassen. Dieses Detail wirkt klein, aber es macht im Alltag einen großen Unterschied. Es zeigt, ob der Hund wirklich mitarbeitet oder nur reagiert.
Welche Rolle spielt dabei die Sensibilität des Hundes?
Eine sehr große. Gerade am Anfang hat mir Lindsy deutlich gezeigt, dass Druck nichts bringt. Wenn ich zu schnell war oder zu viel wollte, hat sie sich zurückgezogen oder nur noch oberflächlich mitgearbeitet. Ich habe gelernt, langsamer zu arbeiten, klarer zu kommunizieren und Übungen so aufzubauen, dass sie verständlich sind. Nicht Tempo bringt Fortschritt, sondern Verständnis.
Wie integrierst du Training in deinen Alltag?
Ich trenne das nicht mehr. Früher habe ich gedacht, Training braucht extra Zeit. Heute passiert das quasi nebenbei, es ist zur Routine geworden. Ein Beispiel ist das Warten an der Haustür. Lindsy sitzt im „Bleib“, während ich mich entferne. Das habe ich ganz klein aufgebaut. Am Anfang bin ich nur einen Schritt zurückgegangen, bin direkt wieder zurück und habe sie dafür belohnt. Mit der Zeit habe ich das gesteigert. Mehr Abstand, mehr Dauer, kleine Ablenkungen. Das ist keine große Übung, aber extrem effektiv für die Impulskontrolle. Und solche Situationen gibt es jeden Tag. Man muss sie nur nutzen.
Du sagst, weniger kann mehr sein. Wie meinst du das?
Ich habe es selbst so gemacht: zu viel, zu schnell, zu unklar. Man will Fortschritt erzwingen. Heute arbeite ich deutlich weniger, vielleicht 30 Minuten am Tag gezielt. Der Rest passiert im Alltag. Der Unterschied ist, dass ich die Dinge sauber aufbaue. Und ich lasse bewusst Pausen zu. Fortschritt entsteht oft nicht im Training selbst, sondern danach. Am nächsten Tag läuft vieles leichter, weil der Hund Zeit hatte, die Reize zu verarbeiten.
Du hast auch deine Art zu belohnen verändert. Was hat sich da getan?
Ich setze Belohnung heute gezielter ein, vor allem beim Aufbau neuer Signale oder bei wichtigen Übungen wie dem Rückruf. Früher habe ich viel nebenbei gefüttert. Das mache ich bewusst nicht mehr, weil die Belohnung sonst an Wert verliert. Bei Lindsy kam noch ein praktischer Punkt dazu. Sie reagiert empfindlich auf bestimmte Zutaten, vor allem auf Rind. Das hat früher immer wieder zu Problemen geführt. Deshalb backe ich ihre Kekse heute einfach selbst. So weiß ich genau, was drin ist, und kann das anpassen. Gleichzeitig bleibt die Belohnung etwas Besonderes. Falls andere Hundebesitzer das auch mal ausprobieren möchten, finden sie die Rezepte auf meiner Website www.hundeliebe.biz/hundekekse-backen.
Was würdest du Hundehaltern mitgeben, die gerade am Anfang stehen?
Mach weniger, aber mach es klar. Zerleg die Dinge in kleine Schritte und achte darauf, dass dein Hund versteht, was du willst. Und vor allem: Denk nicht darüber nach, was du alles mit deinem Hund machen kannst. Stell dir die Frage, wie ihr zusammenarbeitet.
Das Interview führte Leonie Zell











