Tiergesundheit

„Veränderung passiert, wenn wir gemeinsam handeln“

Nathan Gildblat hält zwei helle Welpen im Arm und sitzt draußen auf einer Wiese.

Nathan Goldblat nutzt Social Media als Werkzeug für Veränderung. Was als klassische Creator-Karriere begann, wurde für ihn zu einer Mission. Er nutzt seine Reichweite und zeigt, was in rumänischen Tötungsstationen passiert. Im Interview erklärt er, warum Kastration der Schlüssel ist, weshalb Kritik ihn nicht bremst und was jeder Einzelne konkret tun kann.

Lieber Nathan, du bist als Content Creator gestartet. Wann wurde Tierschutz für dich zum zentralen Thema, und gab es einen Auslöser?

Zum zentralen Thema wurde es vor knapp zwei Jahren. Tierschutz war aber eigentlich schon immer ein Teil meines Lebens. Ich bin in einem kleinen Dorf aufgewachsen, war viele Jahre im Reiterhof und hatte ständig Tiere um mich herum. Das war für mich lange einfach normal. Dann kam eine Phase, in der ich sehr intensiv Content gemacht habe und die Tiere nicht mehr so präsent waren. Ende 2022 habe ich bewusst mit Social Media aufgehört, weil mich vieles daran gestört hat. Viel inhaltsloser Konsum, der Menschen Zeit und Energie nimmt und ihnen im Endeffekt nichts gibt. Ich bin dann für ungefähr ein Jahr auf Weltreise gegangen und habe kaum etwas gepostet. Ich habe einfach gelebt. Und egal wo ich war, da waren Tiere. Weil ich schon immer gerne mit Tieren zu tun hatte, war ich auch dort wieder viel mit ihnen. Dabei habe ich gemerkt, wie sehr mir das fehlt und wie sehr mich das erfüllt. Gleichzeitig habe ich verstanden, dass Social Media eben nicht nur negativ ist, sondern auch ein Werkzeug sein kann. Ich weiß, wie man Reichweite aufbaut und wie man Menschen erreicht. Also nutze ich das jetzt gezielt, um Themen voranzubringen, die mir wichtig sind. Im Moment sind das vor allem Tiere, aber grundsätzlich geht es mir darum, Social Media sinnvoll zu nutzen und echten Mehrwert zu schaffen.

Was treibt dich an, dranzubleiben, obwohl du täglich Leid siehst?

Genau dieses Leid und vor allem die Tatsache, dass man etwas verändern kann. Wir haben zwei der größten privatisierten Tötungsstationen in Rumänien schließen lassen. Das sind Tausende Leben, die dadurch schon jetzt gerettet wurden. Wenn man sieht, dass so etwas möglich ist, dann stellt sich die Frage nicht mehr, ob man weitermacht. Dann ist eher die Frage, warum man es nicht tun sollte.

Du bist regelmäßig in rumänischen Tötungsstationen. Was setzt dir dort am meisten zu, und was unterscheidet die Realität von dem, was viele hier glauben?

Am meisten haben mich die Welpen schockiert. Das habe ich überhaupt nicht verstanden. Und der Zustand der Tiere insgesamt. Viele sind extrem abgemagert und haben Verletzung. Man sieht sofort, dass es ihnen schlecht geht. Was man von außen oft nicht versteht, ist die Gesamtsituation. Du bist dort und nimmst alles gleichzeitig wahr. Du siehst die Tiere, du hörst sie, du riechst es. Du bist komplett umgeben von diesem Leid. Die Tiere wurden teilweise seit Tagen nicht gefüttert,. Viele Hunde haben Angst vor Menschen, andere suchen sofort Nähe und Aufmerksamkeit, obwohl sie so schlechte Erfahrungen gemacht haben.

Viele stellen sich vor, dass Hunde eingefangen und dann getötet werden. Das ist schlimm, aber die Realität davor ist oft noch viel brutaler. Dieses dauerhafte Leid, dieses Warten, dieses Ausgeliefertsein, das sieht man von außen nicht und kann man sich auch nur schwer vorstellen, wenn man nicht selbst dort war.

Du nutzt deine Reichweite gezielt für Aufklärung. Was funktioniert und wo sind die Grenzen?

Am besten funktionieren klare Beweise. Bilder und Videos, die zeigen, was wirklich passiert. Dinge, die man nicht wegdiskutieren kann. Genau das war am Ende auch entscheidend für die Veränderungen, weil wir versteckte Aufnahmen von einer Detektivin hatten und auf denen klar zu sehen ist, wie illegal getötet wird und wie mit den Tieren umgegangen wird. Die Grenze ist die Aufmerksamkeit. Social Media ist voll und die meisten Menschen nutzen es für schnellen Konsum. Man konkurriert mit allem. Deshalb muss man es schaffen, wirklich durchzukommen und Menschen emotional zu erreichen, sonst verpufft die Botschaft.

Hat deine Arbeit bereits konkret etwas verändert?

Ja, zwei große Tötungsstationen wurden bereits geschlossen. Aber auch darüber hinaus hat sich viel verändert. Vor Ort gibt es inzwischen deutlich mehr Kontrollen. Die Polizei taucht unangekündigt auf und überprüft die Zustände. Das passiert jetzt schon und hat die Situation vor Ort spürbar verbessert. Auch politisch hat sich etwas bewegt. Durch den Druck und die Recherchen wurden Themen überhaupt erst ernst genommen.

Was wollt ihr politisch noch erreichen, und warum ist Kastration dabei so entscheidend?

Das zentrale Ziel ist eine Gesetzesveränderung – weg vom Töten hin zu flächendeckenden Kastrationsprogrammen. Töten bekämpft nur die Symptome. Die Population bleibt bestehen oder wächst wieder nach. Kastration setzt an der Ursache an und sorgt langfristig dafür, dass weniger Tiere auf der Straße leben. Das zeigt auch der Kostenvergleich: Laut einer Hochrechnung von PETA wurden in Rumänien in den vergangenen zehn Jahren rund 860 Millionen Euro für das Töten von Straßenhunden ausgegeben. Die Zahl der Straßenhunde hat dadurch aber kaum abgenommen. Mit derselben Summe hätte man alle Straßenhunde Rumäniens mehrfach kastrieren können. Das Problem hätte sich langfristig lösen lassen, ohne dass Millionen Hunde sterben müssen. Kastration ist deshalb nicht nur humaner, sondern auch deutlich effektiver und kostengünstiger. Damit das erkannt und umgesetzt wird, braucht es politischen Willen, aber vor allem Druck aus der Bevölkerung. Wenn viele Menschen laut werden, muss Politik reagieren. Genau daran arbeiten wir auch auf EU-Ebene, indem wir Forderungen gemeinsam mit NGOs und politischen Vertretern formulieren und einbringen.

Was läuft deiner Meinung nach im Umgang mit Haustieren falsch, und warum ist „Adoptieren statt kaufen“ so wichtig?

Viele informieren sich zu wenig und treffen Entscheidungen zu schnell. Ein Hund wird oft angeschafft, ohne sich wirklich mit den Konsequenzen auseinanderzusetzen. Adoptieren ist deshalb so wichtig, weil jeder adoptierte Hund einen Platz frei macht. Dadurch kann ein weiterer Hund aus einer Tötungsstation, von der Straße oder aus einem Tierheim nachrücken und gerettet werden. Wenn alle Deutschen für nur ein Jahr Hunde aus dem rumänischen Tierschutz adoptieren statt kaufen würden, gäbe es dort nach einem Jahr keine Straßenhunde mehr. Das zeigt, wie groß der Einfluss individueller Entscheidungen ist. Hinzu kommt, dass es bereits unzählige tolle Hunde in nahezu allen Rassen und jedem Alter gibt. Viele sitzen in Tötungsstationen, leben auf der Straße oder warten in Tierheimen auf ein Zuhause. Ja, die Suche nach dem passenden Hund dauert bei einer Adoption manchmal länger. Aber solange Millionen Hunde ein Zuhause suchen oder getötet werden, weil es zu viele gibt, halte ich es für falsch, weiter Hunde zu züchten.

Was willst du in den nächsten Jahren erreichen?

Ich möchte dieses Modell weiterführen. Also Social Media gezielt nutzen, um konkrete Veränderungen zu erreichen und Themen wirklich voranzubringen. Rumänien ist noch nicht abgeschlossen, das läuft weiter. Gleichzeitig gibt es viele andere Länder, in denen die Situation ähnlich ist. Ein Beispiel ist Marokko. Dort ist die Lage aktuell extrem kritisch, weil im Zuge der WM geplant ist, Millionen Straßentiere zu töten, um die Straßen für Touristen sauber zu halten. Das zeigt, dass das Problem nicht auf ein Land begrenzt ist und dass es noch viel zu tun gibt.

Wenn du nur eine Botschaft mitgeben könntest, welche wäre das, und was kann jeder konkret tun?

Dass Veränderung möglich ist, wenn viele Menschen gemeinsam handeln. Einzelne können etwas bewegen, aber gemeinsam kann man wirklich Druck aufbauen und Dinge verändern. Jeder kann etwas tun. Inhalte teilen, kommentieren, sic

h informieren und damit Reichweite schaffen oder auch sich vegan ernähren. Das rettet unendlich viele Tiere vor extrem viel Leid und am Ende meistens auch dem Tod. Es gibt auch konkrete Aktionen, wie das Kommentieren bei politischen Akteuren oder das Versenden von vorbereiteten Mails.Und im Alltag geht es um bewusste Entscheidungen. Zum Beispiel adoptieren statt kaufen. Jede einzelne Entscheidung hat am Ende eine Wirkung.

Das Interview führte Emma Howe

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