Um kurz vor sechs beginnt Sabrinas Tag. Noch bevor der Wecker klingelt, sitzt Maja neben ihrem Kopfkissen und schaut sie an. Nala wartet schon im Türrahmen und Emil liegt noch im Körbchen. Alle drei stammen aus dem Tierschutz, und Sabrina erzählt, wie aus vorsichtigen ersten Schritten Vertrauen wurde, wie ihr Alltag mit den Tieren aussieht und warum sie sich ein Leben ohne sie nicht mehr vorstellen kann.
Liebe Sabrina, du lebst mit zwei Katzen und einem Kater zusammen. Wie kam es dazu?
Geplant war das nicht. Ich wollte zuerst nur einer Katze aus dem Tierschutz ein Zuhause geben. Dann kam Maja. Sie war damals acht Jahre alt, dünn, misstrauisch und sehr still. Zwei Jahre später zog Emil ein. Er war ein Fundkater mit verletztem Bein. Und dann kam Nala. Sie war ein Kitten aus einer Beschlagnahmung. Heute leben hier drei Katzen, und jede hat ihre eigene Geschichte. Manchmal denke ich, sie haben mich ausgesucht, nicht umgekehrt.
Erzähl uns mehr von Maja.
Maja ist meine Seniorin. Sie ist jetzt zwölf. Sie ist getigert mit viel Braun und dunklen Streifen, dazu ein ruhiger, klarer Blick. Sie kam aus einem Haushalt, in dem man sie vernachlässigt hatte. Verfilztes Fell, schlechte Zähne, große Angst vor Händen. Wenn ich mich ihr genähert habe, ist sie unter das Sofa gekrochen. Ich habe sie die ersten Wochen kaum gesehen. Ich habe ihr Futter hingestellt, leise mit ihr gesprochen und sie in Ruhe gelassen. Der erste große Moment kam nach fast drei Monaten. Ich saß abends auf dem Boden und habe gelesen. Maja kam aus dem Flur, setzte sich ein Stück entfernt hin und sah mich an. Ich habe mich nicht bewegt. Am nächsten Abend kam sie näher. Irgendwann lag sie neben meinem Bein. Heute schläft sie jede Nacht an meiner Seite. Sie sucht Nähe auf ihre Art. Wenn sie dir vertraut, bleibt sie.
Und Emil?
Emil ist genau das Gegenteil. Er ist schwarz mit weißer Brust und weißen Pfoten, jetzt sechs Jahre alt und hat sehr viel Energie. Man hat ihn verletzt auf einem Parkplatz gefunden. Sein rechtes Hinterbein war gebrochen. Der Tierschutz hat ihn operiert. Als ich ihn kennengelernt habe, trug er noch einen Verband und wollte trotzdem sofort los. Emil bringt Tempo rein. Er klaut Socken, wirft Spielmäuse in den Wassernapf und steht bei jedem Geräusch an der Tür. Er sucht Kontakt und geht direkt auf Menschen zu. Gleichzeitig merkt er sofort, wenn ich still werde. Dann kommt er, legt sich zu mir und bleibt, bis ich wieder ruhiger bin.
Nala ist die Jüngste?
Ja, Nala ist vier. Sie kam mit mehreren Katzen aus einer schlechten Haltung. Zu viele Tiere, zu wenig Platz und kaum Pflege. Sie war damals sechs Monate alt und kannte fast nichts. Kein Spielzeug, keine festen Mahlzeiten, keine Ruhe. Sie hat alles gefressen, was sie gefunden hat. Heute ist sie aufmerksam und schnell. Sie beobachtet viel, merkt sich Abläufe und reagiert sofort, wenn sich etwas ändert. Sie öffnet Schranktüren, prüft jede neue Situation und braucht klare Strukturen: feste Zeiten, klare Plätze und ruhige Abläufe. Dann ist sie ausgeglichen und fühlt sich sicher.
Wie sieht ein normaler Tag mit drei Samtpfoten aus?
Mein Tag beginnt nicht mit dem Wecker, sondern mit Maja. Sie setzt sich meistens um kurz vor sechs neben mein Kopfkissen und starrt mich an. Kein Miauen, nur Blickkontakt. Wenn ich mich nicht bewege, tippt sie mit der Pfote an meine Decke. Nala wartet im Türrahmen. Sie wirkt immer so, als hätte sie die Nachtschicht geleitet und müsse jetzt Bericht erstatten. Emil ist nicht so der Frühaufsteher. Dann gibt es Frühstück. Danach öffne ich die Fenster mit Sicherung. Die drei sitzen dann auf der Fensterbank. Maja schaut ruhig hinaus. Emil kommentiert Vögel und Nala jagt am liebsten Lichtpunkte an der Wand. Tagsüber arbeite ich viel von zu Hause. Das ist schön, aber nicht immer leicht. Emil legt sich gern auf meine Tastatur, während Nala schläft – in Kartons, auch in viel zu kleinen. Maja liegt in ihrem Körbchen neben dem Schreibtisch. Sie will nicht auf den Schoß, aber sie will in meiner Nähe sein. Abends gibt es Spielzeit. Das ist fest eingeplant. Emil und Nala lieben Angelspiele. Maja mag kleine Stoffbälle und langsame Bewegungen. Danach gibt es Futter und dann Ruhe. Gegen zehn wird es hier still. Dann liegen alle irgendwo in meiner Nähe.
Was fütterst du genau?
Hauptsächlich Nassfutter mit hohem Fleischanteil. Ich achte darauf, dass Zucker, Getreide und unnötige Zusätze nicht drin sind. Maja bekommt zusätzlich eine Zahnpflegepaste und weiche Sorten. Emil bekommt abgewogene Portionen, weil er sonst runder wird, als gut für ihn ist. Nala bekommt Futter aufgeteilt in mehrere kleine Mahlzeiten. Trockenfutter gibt es hier nur als Leckerli oder fürs Suchspiel. Ich verstecke ein paar Stücke in der Wohnung. Das beschäftigt sie und macht allen dreien Spaß. Wasser steht an mehreren Stellen. Ein Napf in der Küche, einer im Wohnzimmer und ein kleiner Trinkbrunnen im Flur. Emil liebt den Brunnen. Nala trinkt gern aus einer flachen Keramikschale. Maja trinkt nur, wenn der Napf weit genug vom Futter entfernt steht. Katzen haben da ihre eigenen Regeln.
Gab es auch schon Krankheiten?
Ja, mit Tierschutzkatzen bekommst du oft nicht nur Liebe, sondern auch Vorgeschichten. Maja hatte starke Zahnprobleme. Mehrere Zähne mussten raus. Das war teuer und emotional hart, aber danach ging es ihr viel besser. Sie fraß wieder mit Freude und wurde aktiver. Emil hat wegen seines alten Bruchs manchmal Probleme bei Wetterwechsel. Dann springt er weniger und schläft mehr. Ich habe Rampen und kleine Trittstufen aufgestellt, damit er nicht überall hochspringen muss. Nala hatte anfangs Magenprobleme. Sie fraß hektisch und erbrach öfter. Mit festen Zeiten, kleinen Portionen und ruhiger Fütterung wurde es besser. Außerdem reagiert sie auf manche Futtersorten empfindlich. Ich führe deshalb eine kleine Liste, was sie gut verträgt.
Wie viel kostet das Leben mit zwei Katzen und einem Kater?
Mehr, als viele denken. Futter, Streu, Tierarzt, Medikamente, Impfungen, Parasitenkontrolle, Spielzeug, Kratzbäume. Ich lege jeden Monat Geld für Tierarztkosten zurück. Das ist für mich Pflicht. Gerade bei älteren Katzen kommen Untersuchungen dazu, wie Blutbild, Zähne, Schilddrüse und Nierenwerte. Ich kaufe aber auch nicht ständig neues Spielzeug. Kartons, Papierkugeln und alte Stoffbänder reichen oft aus. Aber bei Futter, Streu und Tierarzt spare ich nicht. Gesundheit ist das A und O.
Wie ist die Beziehung der drei untereinander?
Sie sind kein Kuscheltrio. Das finde ich wichtig zu sagen. Auf Fotos sieht man oft Katzen, die eng zusammen schlafen. Meine drei leben friedlich zusammen, aber jede braucht ihren Raum. Maja ist die Chefin, ohne laut zu sein. Sie geht langsam durch den Raum, und die anderen machen Platz. Emil versucht manchmal, sie zum Spielen zu bringen. Dann bekommt er einen Blick von ihr, und die Sache ist beendet. Nala und Emil spielen oft zusammen. Sie jagen sich durch den Flur, springen auf den Kratzbaum und tun so, als wäre die Wohnung ein Abenteuerpark. Manchmal kippt das Spiel, dann trenne ich sie kurz. Sie fressen auch getrennt. Jeder hat seinen Platz. Das verhindert Stress. Es gibt vier Katzenklos für die drei. Auch das hilft. Bei Katzen ist Frieden oft eine Frage von genug Ressourcen.

Nala, Emil und Maja (v. l. n. r.)
Was haben die drei an dir verändert?
Sie haben mich geduldiger gemacht. Früher wollte ich schnelle Lösungen. Bei Katzen geht das nicht. Du kannst Vertrauen nicht erzwingen. Du kannst nur zeigen, dass du verlässlich bist. Maja hat mir gezeigt, wie leise Nähe sein kann. Emil erinnert mich jeden Tag daran, dass Freude oft in kleinen Dingen liegt. Nala zeigt mir, wie viel Kraft in einem Tier steckt, das schlechte Erfahrungen gemacht hat und trotzdem wieder neugierig wird. Sie geben meinem Alltag Struktur. Ich stehe auf, weil sie mich brauchen. Ich mache Pausen, weil Emil sonst auf meiner Tastatur liegt. Ich lache mehr. Ich bin seltener allein, auch wenn ich allein wohne.
Gibt es schwierige Seiten?
Ja, natürlich. Wenn ich sagen würde, dass alles immer total toll ist, wäre das gelogen. Oft herrscht richtiges Chaos – überall Haare, Katzenstreu im Flur, Tierarzttermine, die stressig sind, Nächte, in denen jemand erbricht, oder Sorgen, wenn es einem der drei nicht gut geht. Und natürlich kann ich auch nicht so spontan sein wie andere. Ich kann nicht einfach wegfahren, sondern brauche immer eine verlässliche Betreuung. Jemand muss zweimal täglich kommen, füttern, Klos reinigen, Medikamente geben und schauen, ob es allen gut geht. Auch die Anfangszeit war nicht so leicht. Maja hat lange gebraucht, Nala hatte Futterneid und Emil wollte zu schnell zu viel Kontakt. Ich musste lernen, nicht alles persönlich zu nehmen. Wenn eine Katze faucht, heißt das nicht, dass sie dich nicht mag. Es heißt oft: Das ist mir zu nah.
Was war bisher dein schönster Moment?
Bei Maja war es der Tag, an dem sie das erste Mal geschnurrt hat, während ich sie gestreichelt habe. Ich hatte Tränen in den Augen, weil ich wusste, wie groß dieser Schritt für sie war. Bei Emil war es nach seiner Operation. Er durfte wieder ohne Verband laufen. Er machte drei tapsige Schritte, sah mich an und warf sich dann auf den Rücken. Als wollte er sagen: Siehst du, ich bin wieder da. Bei Nala war es ein Abend im ersten Jahr. Sie lag auf dem Sofa, ganz ausgestreckt, Bauch nach oben. Das machen Katzen nur, wenn sie sich sicher fühlen. Ich habe sie nicht angefasst. Ich habe nur geschaut und gedacht: Jetzt bist du angekommen.
Was würdest du Menschen sagen, die eine Katze aus dem Tierschutz aufnehmen wollen?
Geh offen rein und such nicht nur nach der schönsten oder jüngsten Katze. Frag nach Charakter, Vorgeschichte und Bedürfnissen. Manche Katzen brauchen Ruhe, manche brauchen Katzengesellschaft, manche brauchen Medikamente und manche passen nicht in einen Haushalt mit Kindern oder Hunden. Plane Zeit ein. Die ersten Wochen sagen nicht alles. Eine Katze, die sich im Tierheim versteckt, kann zu Hause aufblühen. Eine Katze, die sofort schmust, kann später Grenzen zeigen. Beides ist normal. Mach deine Wohnung vorher bereit: mehrere Schlafplätze, Kratzmöglichkeiten, sichere Fenster, ruhige Futterplätze, genug Toiletten. Und rechne mit Kosten. Liebe ersetzt keinen Tierarzt!
Was geben dir Katzen, was Menschen dir nicht geben?
Sie sind ehrlich. Eine Katze kommt nicht aus Höflichkeit. Wenn Maja sich zu mir legt, dann meint sie es so. Wenn Emil Nähe sucht, dann jetzt, nicht später. Wenn Nala spielen will, dann bringt sie mir ihre Angel und schaut mich an, bis ich aufstehe. Sie holen mich aus dem Kopf. Wenn ich grüble, macht Emil Quatsch. Wenn ich zu lange arbeite, setzt Maja sich neben mich. Wenn ich gestresst bin, beobachte ich Nala beim Putzen und werde ruhiger. Katzen verlangen nicht, dass du perfekt bist. Sie brauchen Futter, Pflege, Respekt und Geduld. Dafür geben sie Nähe auf ihre Art. Das ist sehr viel.
Wie gehst du mit Angst oder Stress bei den dreien um?
Ich beobachte genau. Frisst jemand schlechter? Putzt sich jemand mehr? Zieht sich eine Katze zurück? Gibt es Streit am Klo? Katzen zeigen Stress oft leise. Bei Besuch bekommen sie Rückzugsräume. Niemand darf sie hochheben. Niemand darf sie bedrängen. Ich sage Gästen klar: Lass die Katzen zu dir kommen. Besonders Maja braucht das. Transportboxen stehen immer offen in der Wohnung. Sie sind mit Decken ausgelegt. So sind sie kein reines Tierarztsymbol. Vor Terminen lege ich Leckerli hinein. Das nimmt nicht allen Stress, aber es hilft.
Wie sieht dein Zuhause durch die Katzen aus?
Es ist katzengerecht. Nicht perfekt aufgeräumt, aber durchdacht. Es gibt Kratzbäume, Wandliegen, Höhlen, Körbchen, Kartons und Fensterplätze. Meine Deko steht nicht mehr dort, wo Nala sie testen kann. Pflanzen habe ich geprüft. Giftige Pflanzen gibt es bei mir nicht. Ich habe gelernt, dass eine Wohnung für Katzen in die Höhe gehen muss. Regale, Kratzbaum, sichere Fensterplätze. Das schafft Raum, auch wenn die Wohnung nicht riesig ist.
Was war dein größter Fehler am Anfang?
Ich wollte zu schnell zu viel. Bei Maja dachte ich anfangs: Sie muss doch merken, dass sie sicher ist. Aber so funktioniert es nicht. Sicherheit entsteht durch Wiederholung. Jeden Tag gleich. Ruhig bleiben, nicht drängen, nicht enttäuscht sein. Bei Nala habe ich am Anfang unterschätzt, wie tief Futterstress sitzen kann. Ich dachte, sie lernt schnell, dass genug da ist. Aber ihr Körper kannte Mangel. Also brauchte sie klare Portionen, feste Plätze und Ruhe.
Denkst du manchmal über eine vierte Samtpfote nach?
Mein Herz sagt manchmal Ja. Mein Verstand sagt Nein. Drei Katzen sind viel Verantwortung. Ich kann jeder gerecht werden. Das soll so bleiben. Mehr Tiere bedeuten nicht automatisch mehr Glück. Es muss für alle passen.
Was wünschst du dir für die drei?
Dass sie alt werden, dass sie gesund bleiben, dass Maja noch viele ruhige Jahre hat, dass Emil schmerzfrei bleibt und dass Nala ihre Sicherheit nie wieder verliert.Und ich wünsche mir, dass mehr Menschen älteren Katzen, schüchternen Katzen und Tierschutztieren eine Chance geben. Nicht aus Mitleid, sondern weil sie wunderbare Begleiter sind.
Was ist dein Fazit nach all den Jahren zu viert?
Meine Katzen haben mein Leben kleiner und größer gemacht. Kleiner, weil ich mehr plane, weniger spontan bin und Verantwortung trage. Größer, weil hier jeden Tag Leben ist. Drei Persönlichkeiten, drei Geschichten, drei Wesen, die aus schweren Starts kamen und heute ein Zuhause haben. Ich habe sie gerettet, sagen manche. Das klingt schön, aber es stimmt nur halb. Sie haben auch mich verändert. Sie haben aus meiner Wohnung ein Zuhause gemacht.
Das Interview führte Leonie Zell











