Mit 26 Jahren erhält Kim die Diagnose Brustkrebs. Zu diesem Zeitpunkt steckt sie mitten in den Vorbereitungen für ihre Hochzeit und hat gerade begonnen, sich beruflich etwas aufzubauen. Nach Chemotherapie, Operation und Bestrahlung kehrt sie in ihren Alltag zurück. Dann werden Metastasen in der Lunge entdeckt. Heute erhält Kim eine dauerhafte Chemotherapie. Sie arbeitet, reist mit ihrem Mann und spricht offen darüber, warum eine metastasierte Krebserkrankung nicht bedeutet, dass das Leben vorbei ist.
Liebe Kim, wie sah dein Leben aus, bevor du die Diagnose bekommen hast?
Ich war damals 26 und hatte das Gefühl, dass mein Leben gerade erst richtig anfängt. Ich war im Berufsleben angekommen und dabei, meinen Weg zu finden. Gleichzeitig steckten wir mitten in der Hochzeitsvorbereitung. Standesamtlich hatten wir schon geheiratet, einen Monat vor der kirchlichen Trauung bekam ich dann die Diagnose.
Wie wurde der Tumor entdeckt?
Ich hatte im Frühjahr 2022 eine normale Vorsorgeuntersuchung bei meiner damaligen Frauenärztin. Dabei hat sie auch meine Brüste abgetaste und dabei etwas in der linken Brust gespürt. Im Ultraschall sah sie eine kleine Veränderung. Da ich früher schon einmal eine Zyste hatte, ging sie zunächst davon aus, dass es wieder eine sein könnte. Ich sollte drei Monate später zur Kontrolle kommen und mir erst einmal keine Gedanken machen. In diesen drei Monaten wurde die Stelle aber immer größer. Ich wurde zunehmend unsicher und habe sogar zwischendurch in der Praxis angerufen. Da hieß es, solange es nicht wehtut, könne ich bis zum Termin warten. Gegen Ende Juli war es dann schon so groß, dass ich Druckschmerzen hatte und die Wölbung selbst deutlich fühlen konnte. Beim Kontrolltermin bekam ich schließlich eine Überweisung zur Mammographie.
Wann fiel zum ersten Mal das Wort Brustkrebs?
Erst später. Auf meiner Überweisung stand keine Dringlichkeit, deshalb bekam ich bei den Mammographiezentren zunächst Termine erst Monate später angeboten. Teilweise wurde mir gesagt, so dringend könne es bei mir ja nicht sein, weil ich viel zu jung für Brustkrebs sei. Natürlich war ich jung, aber das hindert Krebs ja nicht daran, trotzdem da zu sein. Eine Mitarbeiterin riet mir schließlich, noch einmal bei meiner Frauenärztin anzurufen und nach dem genauen Verdachtsgrund zu fragen. Dort hieß es dann: „Wieso, das ist doch klar, der Verdacht ist Brustkrebs.“ Das war das erste Mal, dass mir das jemand so sagte. Ich war total geschockt. In meiner Familie spielte Krebs keine Rolle und ich kannte die Krankheit eigentlich nur aus Filmen und Medien. Sofort hatte ich dieses Bild im Kopf von Menschen, die schwer krank aussehen und am Ende sterben.
Wie ging es weiter?
Durch einen ausgefallenen Termin konnte ich relativ zeitnah zur Mammographie. Dort war schnell klar, dass es sich um einen Tumor handelt. Die Frage war nur noch, ob er gutartig oder bösartig ist. Noch am selben Tag wurde eine Biopsie gemacht. Danach musste ich fünf Tage auf das Ergebnis warten. Am Tag der angekündigten Rückmeldung hatte sich bis mittags niemand gemeldet. Als ich selbst anrief, hieß es, ich solle am nächsten Tag vorbeikommen und am besten einen Angehörigen mitbringen. In diesem Moment wusste ich für mich eigentlich schon, was das bedeutet.
Wie hast du die Diagnose selbst erlebt?
Ich am Tag der Besprechung noch in der Kita gearbeitet und war völlig durch den Wind, weil meine Gedanken nur noch um dieses Thema kreisten. Im Mammographiezentrum wurde mir dann gesagt, dass der Tumor bösartig ist. Das Zentrum lag in einem Gebäude, in dem auch ein Brustzentrum war. Sie boten mir an, dort direkt einen Termin zu organisieren, und tatsächlich saß ich eine halbe Stunde später schon bei der nächsten Ärztin. Das war für mich in diesem Moment eine Art Rettung, weil ich sofort etwas an die Hand bekam und wusste, wie es weitergeht.
Wie sah deine Behandlung aus und wie hast du danach zurück in deinen Alltag gefunden?
Ich bekam Chemotherapie, eine brusterhaltende Operation und Bestrahlung. Danach war ich in einer ambulanten Reha. Während der Ersttherapie hatte ich mich aus Angst vor Infektionen sehr isoliert und gemerkt, dass das psychisch etwas mit mir macht. Deshalb wollte ich nicht noch einmal für mehrere Wochen komplett aus meinem Umfeld raus. Nach der Reha bin ich relativ schnell wieder arbeiten gegangen und direkt mit hundert Prozent eingestiegen. Ich wollte mein Leben zurück.
Wie kam es dann zur Diagnose der Lungenmetastasen?
Im Dezember 2023 bekam ich eine schwere Lungenentzündung und musste ins Krankenhaus. Auf den Untersuchungsbildern waren Veränderungen in der Lunge zu sehen, die zunächst der Entzündung zugeschrieben wurden. Bei einer Kontrolle sagte die Chefärztin, es sehe gut aus, es seien nur noch zwei Entzündungsherde vorhanden, die man beobachten werde. Als das Gespräch eigentlich schon beendet war, sagte ein Assistenzarzt plötzlich, theoretisch könnten diese Stellen auch Metastasen sein. Für mich war das der absolute Worst Case. Vor Metastasen hatte ich immer die größte Angst. Eigentlich sollte die nächste Kontrolle erst sechs Monate später stattfinden. Da habe ich gesagt, dass ich so lange nicht warten möchte. Mein erster Tumor war innerhalb von drei Monaten sehr groß geworden, deshalb habe ich auf einer früheren Kontrolle bestanden und bei dieser stellte sich dann heraus, dass es tatsächlich Metastasen waren.
Wie hält man diese Zeit zwischen Verdacht und endgültiger Diagnose aus?
Ich habe immer versucht, mir sehr positiv zuzureden und mich auf das zu konzentrieren, was noch nicht feststeht. Beim ersten Tumor gab es noch die Möglichkeit, dass er gutartig sein könnte. Ich war jung, hatte keine entsprechende Familiengeschichte und die Erklärung klang plausibel. Bei der Lunge gab es die schwere Lungenentzündung. Auch da passte die Erklärung mit den Entzündungsherden gut. Daran habe ich mich festgehalten. Natürlich gab es trotzdem Momente mit extremer Angst. Dann versuche ich zu überlegen, was ich konkret tun kann. Wenn ich beispielsweise am Samstagabend das Gefühl habe, ich müsste dringend mit einem Arzt sprechen, geht das in diesem Moment natürlich nicht. Dann mache ich mir eine Erinnerung ins Handy und schreibe auf, wen ich am Montag anrufen möchte. Dadurch bekomme ich den Gedanken ein Stück weit aus meinem Kopf. Ich weiß dann: Es gibt einen Zeitpunkt, an dem ich mich darum kümmere, aber dieser Zeitpunkt ist nicht jetzt.
Was hat die Metastasendiagnose mit dir gemacht?
Der Tag der Diagnose war ein sehr schwarzer Tag. Ich war im absoluten Ausnahmezustand und konnte das alles kaum greifen und gleichzeitig hatte ich das Gefühl, mein Leben sei jetzt vorbei. Am nächsten Tag bin ich trotzdem arbeiten gegangen und habe erst einmal versucht, so zu tun, als wäre alles normal.
Heute bekommst du eine dauerhafte Chemotherapie. Wie gehst du damit um?
Als mir gesagt wurde, dass ich jetzt eine Dauerchemotherapie bekomme, hat mir das tatsächlich wieder Sicherheit gegeben. Ich hatte das Gefühl, dem Krebs nicht nur ausgeliefert zu sein, sondern etwas dagegen tun zu können. Ich habe eine sehr positive Beziehung zu meiner Chemotherapie. Natürlich habe ich Nebenwirkungen und körperliche Einschränkungen. Trotzdem rettet mir diese Therapie das Leben.Für mich stellt sich deshalb immer die Frage: Welchen Preis bin ich bereit, für mein Leben zu zahlen? Wenn mir übel ist oder ich Schmerzen habe, ist das nicht schön, aber solange die Therapie wirkt und mir dieses Leben gibt, bin ich bereit, diesen Preis zu tragen.
Dein Umfeld fragt dich trotzdem noch, wann du mit der Chemotherapie „fertig“ bist.
Ja, immer wieder. Menschen fragen mich, wie viele Chemos ich noch habe oder wann ich es endlich geschafft habe. Manche sagen auch, dass sie auf den Tag warten, an dem ich ihnen erzähle, dass ich krebsfrei bin. Für viele gibt es bei Krebs gedanklich nur zwei Möglichkeiten: Man macht eine begrenzte Therapie und ist danach geheilt oder tot. Dass Menschen lange mit einer chronischen Krebserkrankung leben können und dauerhaft behandelt werden, ist noch nicht überall angekommen. Ich benutze deshalb auch das Wort palliativ nicht besonders gern. Viele verbinden damit sofort Sterben. Ich spreche lieber von einer chronischen Krebserkrankung. Auch das Wort unheilbar hat mir nie so viel Angst gemacht. Es gibt viele unheilbare Erkrankungen, mit denen Menschen über Jahre leben. Bei Diabetes fragt schließlich auch niemand: Wie viele Spritzen musst du dir noch geben, bis du fertig bist mit Diabetes?
Was müsste sich an unserem Bild von Krebs ändern?
Ich wünsche mir eine differenziertere Darstellung. Wenn man vorher kaum Berührungspunkte mit Krebs hatte, prägt das Bild aus Filmen und Medien einen sehr. Krebs ist eine beängstigende Erkrankung, das möchte ich überhaupt nicht kleinreden, aber die Verläufe sind sehr unterschiedlich. Gerade in den sozialen Medien finde ich es wichtig, dass Betroffene zeigen, wie ein Leben mit Krebs auch aussehen kann. Man sieht, dass man nicht allein ist und dass Menschen nicht nur für ihre Erkrankung leben – sie leben mit ihr. Die Krankheit ist da, aber das eigene Leben ist eben auch noch da.
Wie sieht dein Leben heute aus?
Ich arbeite inzwischen nicht mehr in der Kita, weil die körperliche Belastung und das Infektionsrisiko auf Dauer zu hoch waren. Ich bin in die Personalbetreuung gewechselt und arbeite heute 60 Prozent. Gleichzeitig bekomme ich fast wöchentlich meine Chemotherapie. Trotzdem habe ich einen normalen Wochenablauf und einen Alltag mit meinem Mann. Wir reisen sehr viel, waren gerade in Afrika auf Safari und fliegen bald nach China. Wenn mir jemand bei meiner Metastasendiagnose gesagt hätte, dass ich einmal so leben würde, hätte ich das nicht geglaubt. Ich weiß, dass ich dankbar sein kann, dass meine Therapie wirkt und ich stabil bin. Es gibt auch sehr schwere Krebsverläufe, aber eine Metastasendiagnose bedeutet eben nicht automatisch, dass man wenige Wochen später im Hospiz liegt.
Welche Rolle spielt der Austausch mit anderen Betroffenen?
Eine sehr große. Ich hole mir auch psychoonkologische Unterstützung, wenn ich merke, dass ich sie brauche. Nach einer Lungenembolie hatte ich eine Phase, in der ich gemerkt habe: Ich schaffe es gerade nicht allein. Dann habe ich mir bewusst Hilfe geholt. Genauso wichtig ist für mich der Austausch mit anderen Betroffenen. Natürlich kann ich auch mit meinem Mann reden, aber ein anderer Betroffener versteht noch einmal anders, wie es einem geht und was manche Trigger in einem auslösen können.
Wo stehst du heute?
Ich habe heute das Gefühl, dass ich meinen Platz im Leben gefunden habe. Ich habe eine Arbeit, die mir gefällt, meinen Mann und meine Familie. Gleichzeitig stecke ich mitten in einer Krebstherapie. Aber auch darin ist inzwischen eine gewisse Routine entstanden. Andere sagen, sie gehen jeden Mittwoch einkaufen. Ich habe montags eben Chemo. Kein Mensch wünscht sich ein Leben mit Krebs. Ich hätte mir dieses Leben auch nicht ausgesucht, aber es ist das Leben, das ich habe. Ich möchte nicht jeden Tag darüber nachdenken, was als Nächstes passieren kann. Ich möchte leben. Der Krebs ist da, aber mein Leben ist eben auch noch da. Ich habe nur dieses eine Leben und daraus will ich das Beste machen.
Das Interview führte Emma Howe











