FrauengesundheitKopf & Psyche

Wenn psychische Gewalt krank macht

Shiva und Anne vom Podcast „Red Flags und Rosa Brillen“ im Porträt

Psychische Gewalt hinterlässt oft keine sichtbaren Spuren. Trotzdem kann sie Frauen schwer belasten. Shiva und Anne haben selbst erlebt, wie aus Nähe schleichend Kontrolle wurde, wie der eigene Selbstwert zerfiel und der Körper auf Dauerstress reagierte. Heute sprechen sie darüber, warum psychische Gewalt oft unterschätzt wird, weshalb Betroffene nicht „einfach gehen“ und warum psychische Gewalt ein Thema der Frauengesundheit ist.

Wenn wir über Frauengesundheit sprechen, denken viele zuerst an körperliche Erkrankungen. Warum gehören psychische Gewalt und toxische Beziehungen für euch genauso dazu?

Anne: Weil sich psychische Belastung auch körperlich zeigen kann. Bei mir war das sehr deutlich. Ich war zehn Jahre in einer narzisstisch geprägten Beziehung und hatte am Ende 30 Kilo mehr. Dazu kam extremer Haarausfall. Es war so schlimm, dass irgendwann fast alle Haare weg waren und nur noch eine kleine Strähne übrig war. Ich musste eine Perücke tragen. Mir hat mein Körper sehr klar gezeigt, dass etwas nicht stimmt. Wenn die Psyche dauerhaft unter Druck steht, bleibt das nicht ohne Folgen.

Shiva: Bei mir ging es genau in die andere Richtung. Ich habe stark abgenommen, weil ich kaum noch Appetit hatte. Dazu kamen diese enormen Selbstzweifel. Das geht richtig an die Substanz. Ich habe sehr viel geweint. Freunde haben irgendwann zu mir gesagt, dass sie mich gar nicht wiedererkennen. Ich war vorher ein sehr lebensfroher und selbstbewusster Mensch. Dann wurde ich immer leiser. Ich habe mich extrem manipulieren lassen und war irgendwann nur noch eine Schattenversion von mir selbst.

Wann merkt man, dass eine Beziehung nicht nur schwierig ist, sondern einem psychisch schadet?

Shiva: Das Schwierige ist, dass es nicht so anfängt. Es beginnt nicht direkt mit einer toxischen Dynamik. Am Anfang steht oft diese totale Euphorie. Du bekommst extrem viel Aufmerksamkeit, Anerkennung, Geschenke, schöne Erlebnisse. Du wirst auf ein Podest gestellt. Bei mir kam sehr früh diese Heiß-kalt-Dynamik dazu. Erst war ich das Beste und Schönste überhaupt, dann wurde ich ignoriert. Damals konnte ich das überhaupt nicht einordnen. Im Gegenteil, ich war dadurch noch viel stärker auf ihn fokussiert.

Anne: Bei mir war es anders verpackt. Er wollte ganz früh alles über mich wissen, jede Kleinigkeit. Und natürlich auch, was ich mir für mein Leben wünsche. Meine Mutter ist früh gestorben und ich hatte immer diesen großen Wunsch nach einer heilen Familie: Haus, Kinder, ein gemeinsames Zuhause. Genau das hat er mir sehr schnell versprochen. Es kamen Geschenke, Reisen, der Heiratsantrag, das Haus und das erste Kind. Irgendwann sitzt du in diesem Leben, von dem du dachtest, dass du es immer wolltest. Und gleichzeitig merkst du immer mehr, dass etwas überhaupt nicht stimmt.

Wie verändert psychische Gewalt das Bild, das eine Frau von sich selbst hat?

Anne: Es beginnt oft mit kleinen Sätzen: „Du hast doch nie richtig gearbeitet. Wer soll dich denn einstellen?“ Oder: „Du bist keine gute Mutter.“ Später kommen Kommentare über den Körper oder darüber, wie man sich verhält. Wenn du so etwas immer wieder hörst, glaubst du irgendwann, dass mit dir etwas nicht stimmt. Das passiert nicht an einem Tag. Es ist ein Prozess. Und dann kommt dieses Gaslighting dazu. Es passiert etwas, du sprichst es an und plötzlich bist du schuld. Du regst dich zu sehr auf. Du machst Stress. Du hast angeblich alles falsch verstanden. Irgendwann sitzt du da und denkst: Stimmt, ich bin das Problem.

Shiva: Das ist für mich eine der größten Gefahren. Diese Sätze kommen irgendwann nicht mehr nur von außen. Du trägst sie in dir weiter. Die Selbstzweifel sind dann schon da, auch wenn der andere gar nichts sagt. Ich habe mich für Dinge geschämt, für die ich mich überhaupt nicht hätte schämen müssen. Ich war Single und hatte einem Mann geglaubt, der mir seine Ehe und seine Kinder verschwiegen hat. Als ich ihn konfrontiert habe, hat er mir erzählt, er sei im Trennungsjahr und könne nur nichts sagen, weil seine Frau ihm sonst die Kinder wegnehmen würde. Ich hing zu diesem Zeitpunkt emotional schon so tief drin, dass ich es glauben wollte. Rückblickend denke ich: Ich war nicht diejenige, die gelogen hat. Trotzdem habe ich mich geschämt. Oft verändert sich auch das Verhältnis zum eigenen Umfeld. Man zieht sich zurück oder beginnt, Menschen zu misstrauen, die sich Sorgen machen. Dadurch kann der Partner immer mehr zum einzigen Bezugspunkt werden.

Von außen kommt schnell die Frage: Warum geht sie nicht einfach?

Anne: Weil du irgendwann nicht mehr frei entscheidest. Du hast diesen Wechsel zwischen Abwertung und Zuwendung. Nach einem Tief kommt wieder eine Entschuldigung oder Nähe. Dann denkst du: Vielleicht wird es doch wieder wie am Anfang. Dazu kommen Kinder und ein Selbstwert, der längst angegriffen ist.

Shiva: Ich wusste mit dem Kopf, dass mir die Beziehung nicht guttut. Trotzdem kam ich emotional nicht heraus. Wenn er mich zwei oder drei Tage ignoriert hat, hat sich das körperlich schlimm angefühlt. Danach kam wieder Aufmerksamkeit und sofort dieses Gefühl von Erleichterung. Deshalb ist die Frage „Warum gehst du nicht?“ so hart. Viele wissen längst, dass etwas falsch läuft. Sie schaffen den Schritt nur nicht auf Knopfdruck.

Ihr beschreibt euch beide als selbstbewusste Frauen. Warum schützt Stärke nicht davor, in eine solche Beziehung zu geraten?

Shiva: Genau das ist ein Irrglaube, der mich stört. Ich war nicht naiv oder unsicher. Ich hatte klare Werte und wusste eigentlich sehr genau, was ich wollte. Trotzdem bin ich in diese Dynamik geraten. Gerade wenn du empathisch bist und viel Verständnis für andere hast, suchst du lange nach Erklärungen. Du denkst: Er hat viel erlebt, deshalb verhält er sich so. Oder: Wenn ich ihm genug Sicherheit gebe, wird es besser. Und irgendwann merkst du, dass du dabei selbst immer kleiner geworden bist.

Anne: Ich glaube auch nicht, dass Stärke davor schützt. Du gehst ja in eine Beziehung, weil du einem Menschen vertrauen möchtest. Du möchtest dich auch einmal fallen lassen und nicht ständig alles kontrollieren müssen. Genau das darf in einer gesunden Beziehung auch so sein. Problematisch wird es, wenn dieses Vertrauen gegen dich verwendet wird. Dass dir so etwas passiert, bedeutet nicht, dass du schwach bist. Aber nach einer langen Zeit voller Abwertung fühlt man sich irgendwann genau so.

Was macht psychische Gewalt aus eurer Sicht so gefährlich, und warum wird sie noch immer unterschätzt?

Shiva: Weil man sie oft nicht sieht. Wenn jemand geschlagen wird, gibt es im schlimmsten Fall sichtbare Verletzungen. Bei psychischer Gewalt passiert vieles im Inneren. Dein Selbstwert wird Stück für Stück abgebaut. Du zweifelst an deiner Wahrnehmung. Irgendwann weißt du selbst nicht mehr: Übertreibe ich gerade? Bin ich zu empfindlich? Bin wirklich ich das Problem? Und genau deshalb merken viele Frauen gar nicht, was mit ihnen passiert. Sie denken, sie seien halt erschöpft oder unglücklich oder mit ihnen selbst stimme etwas nicht.

Anne: Und weil Gewalt für viele immer noch mit Schlägen beginnt. Dabei gibt es auch emotionale und finanzielle Gewalt. Wenn dir jemand sagt: „Wenn du mich verlässt, hast du nichts. Du bekommst kein Geld. Du findest sowieso keinen Job. Die Kinder bleiben bei mir“, dann ist das Macht. Das Schlimme ist auch: Mit einer Trennung ist diese Belastung nicht automatisch vorbei. Wenn Kinder da sind, kann der Konflikt weitergehen. Dann kommen Sorgerechtsfragen oder finanzielle Auseinandersetzungen dazu. Du willst dich eigentlich erholen und musst gleichzeitig weiter funktionieren.

Welche Warnzeichen würdet ihr heute früher erkennen?

Shiva: Bei mir wäre es extremes Love Bombing. Heute würde ich denken: Du kennst mich noch gar nicht lange genug, um mich so großartig zu finden. Auch kleine Spitzen würde ich ernster nehmen. Ein Satz wie „Du bist hübsch, aber du trägst schon viel Schminke“ klingt erst einmal banal. Wenn solche Bemerkungen immer wieder kommen, greifen sie den Selbstwert an.

Anne: Ich würde darauf achten, wie schnell jemand versucht, dein Leben zu übernehmen. Bei mir hieß es irgendwann: Du musst nicht arbeiten, ich kümmere mich um alles. Damals klang das fürsorglich. Später wurde genau diese Abhängigkeit gegen mich verwendet.

Was braucht es, um nach so einer Beziehung wieder gesund zu werden?

Anne: Zeit und Hilfe. Ich habe eine Traumatherapie gemacht und mich an Beratungsstellen gewandt. Mir hat es geholfen, Dinge überhaupt erst als Gewalt einordnen zu können. Manchmal denkt man jahrelang: Das ist eben mein Leben. Dann sagt jemand von außen: Nein, das war nicht in Ordnung. Dieser Moment kann viel verändern.

Shiva: Für mich war entscheidend, wieder zu spüren, was ich selbst will. In dieser Beziehung hatte ich mich so sehr nach ihm ausgerichtet, dass meine eigenen Bedürfnisse kaum noch vorkamen. Ich musste wieder lernen: Was tut mir gut? Wo sind meine Grenzen? Wir sagen beide nicht, dass alles abgeschlossen ist. Aber wir sind heute wieder an einem Punkt, an dem wir uns selbst mögen.

Welche Hilfe können Frauen nutzen, wenn sie noch gar nicht sicher sind, ob das, was sie erleben, Gewalt ist?

Anne: Man darf sich auch dann Hilfe holen, wenn man noch keine klare Antwort hat. Beratungsstellen oder das Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ können ein erster Schritt sein. Viele Frauen denken, anderen gehe es schlimmer und sie hätten selbst kein Recht auf Unterstützung.

Shiva: Genau das habe ich gedacht. Ich war verzweifelt und wusste, dass ich Hilfe brauche. Gleichzeitig dachte ich: Andere werden geschlagen, denen geht es schlimmer. Damit habe ich meine eigene Situation wieder klein gemacht. Wenn du merkst, dass du dich selbst verlierst, ständig weinst oder dein Körper reagiert, ist das Grund genug, dir Hilfe zu suchen.

Was können Angehörige tun?

Anne: Die Tür offen lassen. Mein Vater hat einmal zu mir gesagt: Ihr seid verheiratet, ihr habt Kinder, geh zurück. Heute sagt er selbst, das war ein Fehler. Später, als ich wirklich gehen wollte, war er sofort da. Genau dieses Gefühl ist wichtig. Nicht urteilen. Nicht fragen: Wie kannst du nur wieder zurückgehen? Sondern sagen: Wenn du so weit bist, bin ich da.

Shiva: Und nicht sofort einen Plan über den Kopf der Betroffenen hinweg machen. Druck führt oft dazu, dass sie sich noch stärker zurückzieht. Angehörige dürfen gleichzeitig auf sich selbst achten. Sie können unterstützen, aber sie können die Entscheidung nicht erzwingen.

Ihr sprecht heute in eurem Podcast offen über diese Erfahrungen. Wie ist daraus euer gemeinsames Projekt entstanden?

Shiva: Wir haben uns auf Mallorca kennengelernt, als wir beide an einem sehr dunklen Punkt waren. Wir haben viel geredet und gemerkt, wie ähnlich manche Dynamiken waren, obwohl unsere Geschichten unterschiedlich sind. Irgendwann haben wir gesagt: Unsere Stärke ist dieses Gespräch.

Anne: Daraus entstand die Idee, für Frauen eine Stimme zu sein, die sich gerade isoliert fühlen oder nicht verstehen, was ihnen passiert. Wenn jemand zuhört und denkt: Genau das kenne ich, dann kann das schon etwas auslösen.

Shiva: Wir wollen verständlich über diese Muster sprechen, ohne daraus ein Frauen-gegen-Männer-Thema zu machen. Viele Männer hören uns ebenfalls. Uns geht es darum, dass Menschen erkennen, was psychische Gewalt mit einem machen kann.

Wenn eine Leserin nach diesem Interview nur eine Folge hören möchte, welche würdet ihr empfehlen?

Shiva: „Die großen Lügen des Narzissten“. Darin sprechen wir darüber, wie ähnlich manche Geschichten und Aussagen sein können. Danach haben uns viele geschrieben: „Genau das hat meiner auch gesagt.“ Und genau dieser Moment kann wichtig sein. Zu merken, ich bilde mir das nicht ein und ich bin damit nicht allein.


Podcast-Tipp

„Red Flags und Rosa Brillen“

In ihrem Podcast „Red Flags und Rosa Brillen“ sprechen Shiva und Anne offen über toxische Beziehungsdynamiken, psychische Gewalt und die Frage, warum Warnzeichen oft erst im Rückblick sichtbar werden. Dabei verbinden sie eigene Erfahrungen mit Themen, die ihnen auch aus ihrer Community begegnen. Es geht um Manipulation, Gaslighting, emotionale Abhängigkeit und darum, den eigenen Selbstwert nach belastenden Beziehungen wiederzufinden. Ihr Ziel: Frauen das Gefühl zu geben, mit ihren Erfahrungen nicht allein zu sein, und ihnen zu helfen, problematische Muster früher zu erkennen.

Das Interview führte Emma Howe

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