Soziale Verantwortung

Ehrenamt im Wandel – Warum freiwilliges Engagement wichtiger ist denn je

Ehrenamt

Rund 29 Millionen Menschen in Deutschland engagieren sich ehrenamtlich – das entspricht etwa 40 Prozent der Bevölkerung ab 14 Jahren. Sie trainieren Kinder im Sportverein, begleiten Senioren im Alltag, helfen bei Tafeln, organisieren Nachbarschaftshilfe, betreuen Geflüchtete oder setzen sich für Umwelt- und Klimaschutz ein. Auch in Kultur, Kirche, Feuerwehr, Rettungsdiensten und Bildung leisten Freiwillige unverzichtbare Arbeit. Ohne sie wäre das gesellschaftliche Leben in vielen Städten und Gemeinden nicht aufrechtzuerhalten. Der wirtschaftliche Wert ihrer Arbeit wird auf über 100 Milliarden Euro jährlich geschätzt. Doch das Ehrenamt verändert sich spürbar. Viele Menschen sind beruflich stark eingebunden, die Familienstrukturen wandeln sich, und die freie Zeit wird knapper. Studien zeigen: Immer mehr Freiwillige möchten sich zeitlich begrenzt, thematisch fokussiert und projektbezogen engagieren, statt über Jahre hinweg feste Ämter zu übernehmen. Gleichzeitig entstehen neue Engagementformen: digitale Freiwilligenarbeit, Klimainitiativen, Nachbarschaftsnetzwerke oder spontane Hilfsaktionen über soziale Medien. Das Ehrenamt wird damit dynamischer, vielfältiger und individueller. Auch die Anforderungen an Organisationen und Vereine wachsen. Sie müssen rechtliche Vorgaben erfüllen, Datenschutz und Haftung beachten, Förderanträge schreiben, digitale Tools nutzen und gleichzeitig Freiwillige finden und halten. Viele kleine Vereine fühlen sich überfordert: Laut Freiwilligensurvey 2023 nennen rund 45 Prozent der Engagierten Bürokratie als größte Hürde. Damit Engagement gelingt, braucht es Unterstützung, Austausch und sichtbare Anerkennung. Genau hier setzt die Deutsche Stiftung für Engagement und Ehrenamt (DSEE) an. Sie wurde 2020 als bundesweite Anlaufstelle gegründet und ist die erste Einrichtung dieser Art in Deutschland. An der Spitze der Stiftung stehen Jan Holze und Katarina Peranić. Beide sind überzeugt, dass Engagement einer der wichtigsten sozialen Kittfaktoren unserer Zeit ist. Im Gespräch erklären sie, warum Ehrenamt heute mehr Menschen denn je erreicht, welche Hindernisse bleiben und was es braucht, damit freiwilliges Engagement auch in Zukunft stark bleibt.

Frau Peranić, Sie stehen an der Spitze der Deutschen Stiftung für Engagement und Ehrenamt. Was war die Motivation für die Gründung, und welche Aufgabe hat die Stiftung heute?

Die Stiftung wurde 2020 gegründet, um freiwilliges Engagement in Deutschland zu stärken – vor allem in ländlichen Regionen, wo Vereine und Initiativen oft mit wenig Ressourcen arbeiten. Wir fördern Projekte, beraten, vernetzen und qualifizieren Engagierte. Unser Ziel ist es, Engagement sichtbar zu machen und Menschen dabei zu unterstützen, ihre Ideen umzusetzen.

Herr Holze, wie bewerten Sie den aktuellen Zustand des Ehrenamts in Deutschland?

Das Ehrenamt ist lebendig und wandelt sich. Rund 29 Millionen Menschen engagieren sich freiwillig. Das ist ein starkes Signal. Gleichzeitig sehen wir neue Herausforderungen: Die Lebensstile ändern sich, Menschen wollen sich flexibler einbringen und oft zeitlich befristet. Vereine müssen darauf reagieren. Strukturen, die noch aus den 80er-Jahren stammen, passen nicht mehr zu den Erwartungen von heute.

Was sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten Veränderungen im Engagement der letzten Jahre?

Katarina Peranić: Wir beobachten, dass das Ehrenamt vielfältiger geworden ist. Neben den klassischen Bereichen wie Sport, Feuerwehr oder Sozialarbeit entstehen neue Formen: Umwelt- und Klimaschutz, digitale Nachbarschaftshilfe, Kulturprojekte. Engagement ist heute thematischer, spontaner, aber auch projektbezogener. Menschen suchen Sinn und Wirkung – sie wollen sehen, dass ihr Einsatz etwas verändert.

Jan Holze: Dazu kommt die junge Generation. Viele junge Menschen möchten sich engagieren, aber nicht unbedingt dauerhaft in Vereinen. Sie möchten mitgestalten, ausprobieren, neue Formen finden. Das ist positiv, aber es erfordert Offenheit und Anpassungsfähigkeit von bestehenden Organisationen.

Digitalisierung spielt eine immer größere Rolle. Wie unterstützen Sie Ehrenamtliche dabei?

Katarina Peranić: Digitalisierung bietet enorme Chancen, besonders für kleine Initiativen. Wir fördern Projekte, die digitale Werkzeuge sinnvoll einsetzen – sei es für Kommunikation, Verwaltung oder Öffentlichkeitsarbeit. Dabei geht es nicht um Technik um der Technik willen, sondern darum, wie digitale Lösungen Engagement erleichtern. Wichtig ist, dass Vereine die richtigen Werkzeuge kennen und lernen, sie sicher und effizient zu nutzen.

Herr Holze, wo sehen Sie die größten Hürden für Vereine und Initiativen?
Jan Holze: Ein großes Thema ist Bürokratie. Viele Engagierte wollen helfen, verbringen aber zu viel Zeit mit Formularen, Anträgen oder rechtlichen Fragen. Das frustriert und schreckt ab. Wir brauchen Vereinfachung und mehr Vertrauen in die, die sich engagieren. Ein zweites Thema ist die Nachwuchsarbeit. Viele Vereine suchen dringend nach Vorständen oder Leitungsmitgliedern. Wenn sich hier nichts ändert, wird das in den nächsten Jahren spürbar.

Die DSEE legt besonderen Wert auf den ländlichen Raum. Warum ist das so wichtig?

Katarina Peranić: In kleinen Gemeinden ist Engagement oft die tragende Säule des gesellschaftlichen Lebens. Wenn der Sportverein, die freiwillige Feuerwehr oder der Chor wegfallen, fehlt nicht nur ein Angebot, sondern ein Stück Gemeinschaft. In strukturschwachen Regionen kommt hinzu, dass junge Menschen wegziehen und Vereine weniger Mitglieder finden. Dort unterstützen wir gezielt mit Beratung, Qualifizierung und Förderprogrammen, damit diese Strukturen erhalten bleiben.

Viele Ehrenamtliche wünschen sich mehr Wertschätzung. Was kann man tun, damit Engagement stärker anerkannt wird?

Jan Holze: Anerkennung ist zentral. Wer seine Zeit und Energie einsetzt, braucht Rückhalt. Wertschätzung bedeutet mehr als Dankesworte. Sie zeigt sich auch in Rahmenbedingungen: weniger Bürokratie, finanzielle Unterstützung, Weiterbildungsmöglichkeiten. Wenn Engagement ernst genommen wird, stärkt das Motivation und Bindung.

Katarina Peranić: Wir erleben immer wieder, dass kleine Gesten viel bewirken – ein persönliches Dankeschön, öffentliche Anerkennung, verlässliche Begleitung. Wichtig ist, dass Ehrenamt nicht als selbstverständlich gilt. Es ist eine bewusste Entscheidung, Verantwortung zu übernehmen, und das verdient Aufmerksamkeit.

Was hat sich durch die Coronazeit verändert?

Jan Holze: Die Pandemie war ein Stresstest, aber auch ein Innovationsschub. Viele Vereine haben in kurzer Zeit digitale Strukturen aufgebaut, Onlinetreffen organisiert oder Nachbarschaftshilfen über Apps koordiniert. Gleichzeitig wurde sichtbar, wie verletzlich Engagementstrukturen sind, wenn Begegnung fehlt. Es hat gezeigt, dass wir digitale und analoge Wege besser verbinden müssen.

Wie messen Sie den Erfolg Ihrer Arbeit bei der DSEE?

Katarina Peranić: Wir betrachten Wirkung, nicht nur Zahlen. Uns interessiert, wie viele Menschen wir erreicht, vernetzt und befähigt haben. Seit der Gründung wurden mehr als 14.000 Projekte gefördert und über 10.000 Initiativen beraten. Entscheidend ist aber, was daraus entsteht – neue Netzwerke, Ideen und stabile Strukturen vor Ort.

Jan Holze: Der Erfolg zeigt sich, wenn Vereine sagen: Wir trauen uns wieder an neue Aufgaben, wir finden Nachwuchs, wir fühlen uns unterstützt. Das ist die eigentliche Bilanz unserer Arbeit.

Welche Schwerpunkte setzen Sie in den kommenden Jahren?

Katarina Peranić: Wir wollen Engagement langfristig sichern. Das heißt: Bildung, Beratung, Begleitung. Wir investieren in Programme, die Wissen vermitteln, Selbst-organisation stärken und Digitalisierung fördern. Außerdem wollen wir die Sichtbarkeit des Ehrenamts erhöhen – denn was nicht gesehen wird, wird auch nicht unterstützt.

Jan Holze: Mir ist wichtig, dass wir das Ehrenamt als Grundlage unserer Demokratie begreifen. Engagement schafft Vertrauen, Begegnung und Mitgestaltung. Das ist gerade in Zeiten sozialer Spannungen entscheidend. Unser Ziel ist es, dass jeder Mensch, der sich engagieren möchte, auch die Möglichkeit dazu hat – unabhängig von Alter, Einkommen oder Herkunft.

Was wünschen Sie sich von Politik und Gesellschaft?

Katarina Peranić: Wir brauchen stabile Rahmenbedingungen. Engagement darf nicht von Zufällen abhängen, sondern braucht Planbarkeit. Politik sollte Ehrenamt als festen Bestandteil sozialer Infrastruktur begreifen.

Jan Holze: Ich wünsche mir, dass wir das Ehrenamt nicht nur feiern, sondern es konkret stärken: mit weniger Hürden, mehr Flexibilität und moderner Unterstützung. Die Bereitschaft der Menschen ist da – jetzt müssen wir dafür sorgen, dass sie wirken kann.

Das Interview führte Emma Howe

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