Frauengesundheit

Selbstbestimmt durch die Wechseljahre

Sally Bolinger im Interview über Wechseljahre, Perimenopause und Hormontherapie

Wechseljahre sind für viele Frauen noch immer mit Unsicherheit und fehlender Aufklärung verbunden. Sally Bolinger möchte das ändern. Als Wechseljahrementorin, Content- Creatorin und Gründerin des Hormon Queen Club vermittelt sie verständliches Wissen rund um Perimenopause, Menopause und Hormontherapie. Im Interview spricht sie über ihre eigenen Erfahrungen, ihren Weg zur Hormontherapie und darüber, warum Wissen und individuelle Entscheidungen für sie eine zentrale Rolle spielen.

Liebe Frau Bolinger, Sie setzen sich dafür ein, dass Frauen mutig, wild und kompromisslos durch die Wechseljahre gehen. Warum haftet dieser Lebensphase in unserer Gesellschaft noch immer ein verstaubtes und negatives Klischee an?

Ich glaube, weil die Wechseljahre lange fast ausschließlich mit Verlust verbunden wurden: Verlust von Jugend, Fruchtbarkeit, Attraktivität und Leistungsfähigkeit. Das Bild der Frau in der Lebensmitte war gesellschaftlich nicht besonders positiv besetzt. Über Pubertät und Schwangerschaft sprechen wir ganz selbstverständlich als große hormonelle Lebensphasen, über die Wechseljahre wurde dagegen lange geschwiegen.

Sie wirken wie eine Frau, die mitten im Leben steht und ihren Alltag aktiv gestaltet. Wie schwierig war es für Sie, plötzlich mit Beschwerden konfrontiert zu sein, die nicht zu Ihrem eigenen Lebensgefühl passten?

Das war tatsächlich schwierig, vor allem weil ich meine Beschwerden überhaupt nicht mit den Wechseljahren in Verbindung gebracht habe. Ich war 39, aktiv, mitten im Leben mit zwei Kindern, und das jüngere erst fünf Jahre alt. Wechseljahre waren für mich etwas, das irgendwann viel später kommt. Plötzlich machte mein Körper Dinge, die ich nicht einordnen konnte. Rückblickend hätte mir allein das Wissen, dass die Perimenopause schon in den späten 30ern oder frühen 40ern beginnen kann, sehr geholfen.

Welche Beschwerden haben Sie in Ihrem Alltag am stärksten beeinträchtigt?

Bei mir waren es vor allem Schlafprobleme, Erschöpfung und das Gefühl, nicht mehr so belastbar zu sein wie früher. Dazu kamen starke Blutungen und Herzklopfen, die ich damals überhaupt nicht mit den Wechseljahren in Verbindung gebracht habe. Besonders schwierig fand ich dieses diffuse Gefühl, nicht mehr ganz ich selbst zu sein.

Zwei Drittel aller Frauen leiden unter mittleren bis schweren Symptomen. Dennoch nehmen viele ihre Beschwerden lange hin. Wie war Ihr eigener Weg?

Ich war wegen meiner Beschwerden bei verschiedenen Ärzten, beim Hausarzt, beim Kardiologen und auch beim Frauenarzt. Trotzdem fiel über Jahre hinweg kein einziges Mal das Wort Wechseljahre. Ich selbst hatte mit Ende 30 ebenfalls keine Ahnung, dass die Perimenopause bereits begonnen haben könnte. Erst viel später habe ich angefangen, die Zusammenhänge zu verstehen und mir das Wissen selbst anzueignen. Genau deshalb ist Aufklärung für mich heute so wichtig.

Mussten Sie das Thema hormonelle Unterstützung selbst bei Ihrem Frauenarzt ansprechen?

Ja, eine umfassende Aufklärung über die Perimenopause oder die verschiedenen Möglichkeiten einer Hormontherapie hatte zuvor nicht stattgefunden. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich bereits begonnen, mich selbst intensiv einzulesen, und wusste ziemlich genau, welche Fragen ich stellen wollte. Diese Erfahrung hat mir gezeigt, wie wichtig es ist, informiert in ein Arztgespräch zu gehen und Entscheidungen gemeinsam mit dem Arzt zu treffen.

Bei den Wechseljahren wird oft vor allem über Hitzewallungen gesprochen. Der sinkende Östrogenspiegel kann jedoch auch für Knochen, Stoffwechsel und Herz-Kreislauf-Gesundheit relevant sein. War Ihnen das damals bewusst?

Nein, überhaupt nicht. Ich dachte bei Wechseljahren damals vor allem an Hitzewallungen und das Ausbleiben der Periode. Dass Östrogen an so vielen Prozessen im Körper beteiligt ist, war mir nicht bewusst. Dieses Wissen kam erst viel später und hat meinen Blick auf die Wechseljahre grundlegend verändert.

Hat dieses Wissen Ihre Entscheidung für eine Behandlung beeinflusst?

Ja, definitiv. Für mich war vor allem meine Knochengesundheit ausschlaggebend. Mit 45 wurde bei mir bereits eine Osteopenie festgestellt, und mit 46 war ich vergleichsweise früh in der Menopause. Dadurch wurde mir sehr bewusst, dass der frühe Östrogenverlust auch langfristige gesundheitliche Auswirkungen haben kann. Meine Entscheidung für die Hormontherapie war deshalb nicht nur symptomorientiert, sondern auch mit Blick auf meine langfristige Gesundheit.

Sie haben sich schließlich für eine Hormonersatztherapie entschieden. Wie haben Sie die Behandlung erlebt?

Da ich mit der Hormontherapie erst relativ kurz vor meiner Menopause begonnen habe, lag die für mich schwierigste Phase der Perimenopause zu diesem Zeitpunkt bereits hinter mir. Deshalb habe ich durch die Therapie keine dramatische körperliche Veränderung erlebt. Für mich stand vielmehr der langfristige gesundheitliche Aspekt im Vordergrund, insbesondere aufgrund meiner Osteopenie und der frühen Menopause.

War für Sie bei der Wahl Ihrer Behandlung entscheidend, dass sie sich gut in einen aktiven und mobilen Alltag integrieren lässt?

Ja, auf jeden Fall. Wenn eine Therapie mich langfristig begleitet, muss sie sich unkompliziert in meinen Alltag integrieren lassen, zu Hause genauso wie auf Reisen oder in einen vollen Arbeitstag. Gleichzeitig ist für mich die Alltagstauglichkeit nicht das einzige Kriterium. Mindestens genauso wichtig sind Individualität, Verträglichkeit und die Möglichkeit, die Therapie an meine persönlichen Bedürfnisse anzupassen.

Eine Hormonersatztherapie kann in verschiedenen Formen angewendet werden, zum Beispiel als Gel, Pflaster, Spray, Tablette oder Kapsel. Nach welchen Kriterien haben Sie sich für Ihre Darreichungsform entschieden?

Ganz ehrlich: Die Auswahl war in der Arztpraxis gar nicht so grenzenlos, wie es manchmal klingt. Mir wurde damals ein Gel angeboten, und da es für mich gut funktioniert, bin ich dabei geblieben. Wichtig sind mir körperidentische Hormone und die transdermale Anwendung des Estradiols. Dazu verwende ich körperidentisches Progesteron als Kapsel. Für mich zählt am Ende weniger eine bestimmte Darreichungsform als eine Therapie, die zu mir passt, gut verträglich und möglichst individuell anpassbar ist.

In der Medizin gilt der Ansatz: So viel wie nötig, so wenig wie möglich. Wie wichtig ist es Ihnen, dass Sie sich auf eine genaue und verlässliche Dosierung verlassen können?

Eine verlässliche Dosierung ist mir natürlich wichtig. Da es sich um eine Hormontherapie handelt, die zudem über einen längeren Zeitraum angewandt wird, ist eine niedrige Dosierung sicherlich von Vorteil. Dennoch ist die passende Hormondosierung immer individuell und sollte sich an Beschwerden, Therapieziel, Verträglichkeit und persönlicher Situation orientieren.


Lesen Sie, welche Rolle Hormone, Bewegung, Schlaf und Ernährung in den Wechseljahren spielen und welche Möglichkeiten Frauen heute haben, ihren eigenen Weg zu finden.


Hormongel ist in unterschiedlichen Darreichungsformen erhältlich, zum Beispiel auch in Einzelportionen. Diese lassen sich gut mitnehmen, benötigen keine separate Dosierung und können unterwegs diskret angewendet werden. Wie wichtig ist Ihnen eine Anwendung, die sich auch auf Reisen, im Büro, beim Sport oder an einem vollen Arbeitstag gut in den Alltag integrieren lässt?

Eine unkomplizierte Anwendung ist mir wichtig, gerade weil die Hormontherapie langfristig zu meinem Alltag gehört. Einzelportionen können sehr praktisch sein. Für mich ist aber nicht eine Darreichungsform grundsätzlich besser als die andere. Sie muss individuell zum Leben der jeweiligen Frau passen.

Haben die Wechseljahre auch Ihren Blick auf Bewegung, Ernährung, Schlaf und Erholung verändert?

Absolut. Vor allem Bewegung ist für mich zu einem essenziellen Hebel geworden, und Krafttraining hat heute einen ganz anderen Stellenwert als früher. Gleichzeitig achte ich bewusster auf Ernährung, Schlaf und Regeneration und merke, dass ich Stress heute weniger gut vertrage. Hormone sind für mich ein Baustein, aber sie ersetzen keinen gesunden Lebensstil.

Viele Frauen haben in dieser Lebensphase noch große berufliche und private Ziele. Warum sollten die Wechseljahre aus Ihrer Sicht nicht als Beginn eines Rückzugs betrachtet werden?

Weil diese Lebensphase kein Ende ist, sondern genauso gut ein Neuanfang sein kann. Ich selbst habe mit 46 noch einmal eine völlig neue berufliche Karriere gestartet, zu einem Zeitpunkt, an dem ich bereits in der Menopause war. Heute habe ich mehr Pläne und Ideen als je zuvor. Die Wechseljahre können herausfordernd sein und dazu zwingen, Dinge neu zu justieren. Aber wir haben noch viele Jahrzehnte vor uns, und die dürfen wir aktiv und selbstbestimmt gestalten.

Was bedeutet es für Sie persönlich, als Frau in den Wechseljahren selbstbestimmt zu leben?

Für mich bedeutet Selbstbestimmung vor allem, meinen Körper zu verstehen und informierte Entscheidungen treffen zu können, gesundheitlich genauso wie beruflich und privat. Ich möchte Beschwerden oder Einschränkungen nicht hinnehmen müssen, wenn es Möglichkeiten gibt, etwas dagegen zu tun. Gleichzeitig bedeutet Selbstbestimmung für mich auch, die eigenen Grenzen anzuerkennen. Ich entscheide heute bewusster, wie ich leben, arbeiten und älter werden möchte.

Was ist Ihre wichtigste Botschaft an Frauen, die ihre Wechseljahre selbstbestimmt verstehen und gestalten möchten?

Wissen verändert alles. Je besser wir verstehen, was in unserem Körper passiert, desto weniger sind wir den Veränderungen ausgeliefert. Informiert euch, kennt eure Möglichkeiten und traut euch, Fragen zu stellen und Entscheidungen mitzutreffen, ob es um Hormontherapie, Lebensstil oder andere Behandlungswege geht. Es gibt nicht den einen richtigen Weg durch die Wechseljahre. Mein Wunsch ist, dass jede Frau ihren eigenen findet, informiert, selbstbestimmt und ohne sich dabei selbst aus den Augen zu verlieren.

Erfahren Sie mehr über typische Beschwerden in den Wechseljahren, mögliche Behandlungswege und darüber, wie Sie diese Lebensphase informiert und selbstbestimmt gestalten können.

Das Interview führte Emma Howe

 

 

 

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