Frauengesundheit

„Wenn der Alltag stillsteht“

Katharina im Porträt, sie lebt seit ihrer Kindheit mit Migräne

Katharina lebt seit ihrer Kindheit mit Migräne. Gerade als Frau erlebt sie, dass sich der Körper und damit auch die Migräne über die Jahre verändern. Im Interview spricht sie darüber, wie sie Attacken heute behandelt, welche Rolle Selbstbestimmung für sie spielt und warum sie Frauen Mut machen möchte, immer wieder neue Wege auszuprobieren.

Liebe Katharina, wann hattest du das erste Mal Migräne?

Das fing bei mir schon in der Kindheit an. Ich war ungefähr sieben Jahre alt und habe auf einem Kindergeburtstag so schlimme Kopfschmerzen bekommen, dass ich mich übergeben musste. Bei Kindern zeigt sich Migräne oft auch über Bauchschmerzen.

Wie lange hat es gedauert, bis die Diagnose gestellt wurde?

Das ging relativ schnell. Die Diagnose kam schon im Grundschulalter, auch weil es Migräne bei uns in der Familie gibt. Ich hatte Glück, da Migräne bei Kindern oft nicht direkt erkannt wird.

Wie sah dein Alltag damals aus?

Das war lange ein kompletter Totalausfall. Ich lag im dunklen Raum, Kühlpad auf dem Kopf, Eimer neben dem Bett. Während der Attacke ging gar nichts. Ich habe viel ausprobiert, Heilpraktiker, Akupunktur, Physiotherapie. Geholfen hat nichts.

Wurdest du damals schon neurologisch behandelt?

Nein, das kam erst im Erwachsenenalter, nachdem meine Migräne im Studium immer häufiger wurde. Ich habe auch sehr spät angefangen, Triptane zu nehmen, und wurde vorher nie zum Neurologen geschickt. Heute finde ich das schon komisch. Wenn man sich selbst mehr mit Migräne beschäftigt, merkt man erst, wie oberflächlich das Thema teilweise behandelt wird.

Wie oft hast du heute Migräne?

Aktuell habe ich einen recht großen Erfolg mit zwei Prophylaxen, die ich gerade nehme. Ich bin jetzt bei ungefähr acht bis zehn Migränetagen im Monat. Das klingt für andere immer noch viel, aber für mich ist das ein riesiger Fortschritt. Ich hatte die letzten zehn Jahre chronische Migräne, mit ungefähr 22 Tagen im Monat.

Wie lebt man mit so vielen Migränetagen?

Man zieht sich extrem zurück und sagt bei vielen Dingen vorsichtiger zu oder direkt ab. Auch schöne Dinge, auf die man sich früher gefreut hat, macht man irgendwann nicht mehr so gerne, weil immer diese Angst da ist, dass es wieder losgeht.

Du hast im Gespräch auch Kinder angesprochen. Wie erlebst du das Thema Migräne und Familie?

Zum Glück habe ich keine eigenen Kinder. Das Kind meines Freundes und auch die Kinder meines Bruders sind oft hier. Ich finde es wirklich bemerkenswert, wie andere das machen, Migräne und Kinder gleichzeitig.

Merkst du eine Attacke vorher?

Ja, Nackensteifheit ist ein Vorbote. Das bekomme ich häufig einige Stunden vor der Attacke. Ich dachte lange, ich bin einfach verspannt. Dazu kommen Gähnen, gereizte Stimmung und hohe Empfindlichkeit für Licht, Geräusche oder Gerüche.

Wie lange dauert eine Attacke?

Das ist unterschiedlich. Wenn es schlecht läuft, auch mehrere Tage. Im Schnitt vier bis sechs Stunden, wenn Medikamente gut wirken. Bei starken Anfällen kommen Magen-Darm-Beschwerden, Erbrechen, Durchfall und Kreislaufprobleme dazu. Manchmal werde ich fast ohnmächtig.

Gibt es Auslöser?

Das ist schwer zu sagen. Vieles kommt zusammen. Was ich merke: zwischenmenschlicher Stress. Danach wird mein Körper schnell fest. Wetterwechsel spielt auch eine Rolle.

Was machst du, wenn du merkst, dass eine Attacke beginnt?

Früher bin ich oft in Panik geraten. Vor allem in Phasen, in denen ich schon viele Medikamente genommen hatte. Ich wusste, dass man mit zu vielen Medikamententagen in einen Medikamentenübergebrauch kommen kann. Daraus entstand irgendwann eine richtige Angstspirale. Dann hatte ich in der Migräneattacke zusätzlich noch eine Panikattacke. Heute kann ich viel früher und selbstbestimmter reagieren. Wenn die Migräne beginnt, nehme ich direkt etwas. Ich warte nicht mehr wie früher und denke: Nimm nicht so viel, warte mal ab, vielleicht geht es weg. Das mache ich nicht mehr.


Akute Migräneattacken gezielt behandeln

Migräne ist eine weit verbreitete neurologische Erkrankung – und weit mehr als nur Kopfschmerz. Sie äußert sich in wiederkehrenden, sehr starken Kopfschmerzattacken, oft begleitet von Übelkeit, extremer Licht- und Lärmempfindlichkeit sowie Sehstörungen. Hier klicken für weitere Informationen zur gezielten Behandlung akuter Migräneattacken. 

Was hilft dir akut am besten?

Ich nehme ein Triptan und ein Schmerzmittel zusammen. Diese Kombination wirkt bei mir aktuell am besten. Allein wirken die Mittel bei mir nicht so gut, doch als Kombipräparat schon. Ich habe dadurch das Gefühl, dass ich besser durch die Attacke komme und schneller wieder handlungsfähig bin. Manchmal nehme ich zusätzlich noch etwas gegen Übelkeit, wenn sie sehr stark ist.

Kaufst du dir die Medikamente selbst?

Ja, ich kaufe mir das selbst und reiche die Kosten am Ende des Jahres bei der Steuererklärung als Apothekenkosten ein. Für mich ist entscheidend, dass es mir hilft – dafür zahle ich dann gern auch selbst. Ich merke, dass bei mir die Kombination aus Triptan und Schmerzmittel besser wirkt, dann ist mir das einfach wichtig. Ich will in der Attacke nicht lange diskutieren oder warten. Ich will etwas haben, das für mich funktioniert.

Du hast gesagt, dass sich der Körper gerade bei Frauen über die Jahre verändert. Spielt das für dich bei der Migräne eine Rolle?

Gerade bei Frauen verändert sich der Körper auch hormonell. Man ist mit 40 ein anderer Mensch als mit 20. Deshalb kann auch etwas, das früher nicht funktioniert hat, heute noch einmal helfen.

Wie reagiert dein Umfeld?

Mein engeres Umfeld hat sehr viel Verständnis. Mein Partner hat die ersten Attacken miterlebt und gesagt, so etwas habe er vorher noch nie gesehen. Trotzdem ist es für Menschen, die Migräne nicht kennen, schwer, den Schmerz und die Einschränkungen nachzuvollziehen.

Was möchtest du anderen Frauen mit Migräne mitgeben?

Informiert euch selbst. Dieses Wissen gibt einem Sicherheit, auch Ärzten gegenüber. Und schließt nicht direkt Dinge aus, die wissenschaftlich belegt sind, auch Triptane nicht. Ich habe selbst spät damit angefangen und weiß heute, dass sie helfen. Und man darf weiter ausprobieren. Es ist nie zu spät, noch mal etwas Neues zu versuchen.

Das Interview führte Emma Howe. 

Lass einen Kommentar da

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Weitere Inhalte von:Frauengesundheit

0 %