Die erste intensive Zeit mit einem Neugeborenen liegt gerade hinter ihr. Das Familienleben mit dem fünf Monate alten Leon beginnt sich einzuspielen, als Katharina eine Verhärtung in ihrer Brust entdeckt. Kurz darauf steht fest: Sie hat Brustkrebs und muss sofort behandelt werden. Im Interview spricht sie darüber, wie aus dem Alltag mit Baby plötzlich ein Leben zwischen Chemotherapie, Arztterminen und Sorge um die Zukunft wurde.
Liebe Katharina, dein Sohn Leon war gerade fünf Monate alt, als du die Veränderung in deiner Brust bemerkt hast. Wie kam es dazu?
In dieser Zeit bist du sowieso ständig müde und dein Körper fühlt sich noch nicht wieder so an wie vor der Schwangerschaft. Dazu kam das Stillen. Die Brust verändert sich ständig, ist mal voller, mal empfindlicher, mal verhärtet. Beim Umziehen habe ich dann aber in der linken Brust einen kleinen, harten Knoten gespürt. Der fühlte sich anders an als alles, was ich bis dahin vom Stillen kannte. Nicht schmerzhaft, aber sehr klar abgegrenzt. Ich hatte sofort das Gefühl: Das gehört da nicht hin.
Hast du direkt an Brustkrebs gedacht?
Der Gedanke war da, aber ich habe ihn sofort wieder weggeschoben. Ich war Anfang 30, hatte gerade ein Baby bekommen und befand mich gedanklich in einer völlig anderen Lebensphase. Brustkrebs passte überhaupt nicht in dieses Bild. Man versucht sich dann selbst zu beruhigen.
Hast du deinem Umfeld von deinen Sorgen erzählt?
Ja, habe ich, aber viele haben zunächst gesagt, dass Verhärtungen beim Stillen normal seien. Das war auch nicht böse gemeint. Es war die naheliegende Erklärung. Ich selbst wollte das ebenfalls glauben, bin aber dann doch recht zeitnah zu meiner Frauenärztin gegangen.
Wie hat sie reagiert?
Zum Glück hat sie meine Sorgen ernstgenommen. Dafür bin ich ihr bis heute sehr dankbar. Sie hat nicht gesagt: „Wir warten noch ein paar Wochen.“ Sie hat mich direkt zur weiteren Abklärung geschickt. Dann ging alles sehr schnell: Ultraschall, weitere Untersuchungen und schließlich die Biopsie.
Wie hast du die Zeit zwischen Biopsie und Ergebnis erlebt?
Es war schrecklich. Dieses Warten ist schwer auszuhalten. Einerseits versucht man, seinen normalen Alltag weiterzuführen, aber andererseits denkt man bei allem, was man tut, darüber nach. Ich habe Leon angeschaut und mich gefragt, was passiert, wenn das Ergebnis wirklich Krebs lautet. Gleichzeitig habe ich versucht, mich nicht hineinzusteigern, das hat aber nur begrenzt funktioniert.
Wie hast du das Ergebnis erfahren?
Es kam ein Anruf mit der Bitte, meinen Partner zum nächsten Termin mitzubringen. In diesem Moment wusste ich eigentlich schon, dass etwas nicht stimmt. Kein Arzt sagt dir, du sollst jemanden mitbringen, wenn alles in Ordnung ist. Wir sind dann gemeinsam hingefahren. Ich erinnere mich noch sehr genau an die Fahrt und daran, wie still wir waren. Wir haben uns an den Händen gehalten, aber kaum gesprochen. Ich glaube, keiner wollte das aussprechen, was wir beide gedacht haben.
Wie hast du den Moment der Diagnose selbst erlebt?
Ich war erstaunlich ruhig. Die Ärztin hat erklärt, dass es Brustkrebs ist und dass wir schnell mit der Behandlung beginnen müssen. Ich habe zugehört, genickt und Fragen gestellt. Wann startet die Therapie? Was passiert als Nächstes? Welche Untersuchungen kommen noch? Mein Kopf hat sofort auf Organisation umgeschaltet.
Und emotional?
Das kam zeitversetzt. In der Praxis habe ich nicht geweint. Zu Hause war es anders, da sind dann alle Dämme gebrochen und ich bekam riesige Angst. Nachts war es oft besonders schlimm. Leon lag neben uns in seinem Bettchen, ich habe ihn atmen hören und dann kam immer wieder dieser Gedanke: Was ist, wenn ich mein Kind nicht aufwachsen sehe? Das war für mich die größte Angst.
Du warst zu diesem Zeitpunkt noch mitten in der Stillzeit. Musstest du sofort abstillen?
Ja, und das war für mich richtig schlimm. Bis dahin war Stillen ein fester Bestandteil unseres Alltags. Es war Nahrung, Nähe und Beruhigung. Und ich konnte mich gar nicht darauf vorbereiten oder langsam abstillen.
Wie hat Leon darauf reagiert?
Er hat das natürlich nicht verstanden. Er hat die Brust gesucht und war anfangs sehr unruhig. Das hat mir sehr wehgetan. Ich hatte das Gefühl, ihm etwas wegzunehmen, obwohl er überhaupt nichts mit meiner Erkrankung zu tun hatte. Heute weiß ich, dass diese Gedanken sehr hart gegen mich selbst waren. Damals waren sie trotzdem da.
Hattest du Schuldgefühle?
Sehr starke. Ich hatte das Gefühl, eine schlechte Mama für ihn zu sein, weil ich mein Kind nicht mehr so versorgen konnte, wie ich es mir vorgestellt hatte. Natürlich war das völlig irrational. Ich habe Leon ja nicht im Stich gelassen, sondern habe eine Behandlung begonnen, damit ich bei ihm bleiben kann. Aber in dieser Situation denkt man nicht mehr rational.
Dann begann die Chemotherapie. Wie lässt sich eine solche Behandlung mit einem fünf Monate alten Baby überhaupt vereinbaren?
Ohne Unterstützung gar nicht. Nach manchen Chemozyklen war ich mehrere Tage völlig erschöpft. Es gab Tage, an denen ich Leon nicht einmal aus seinem Bettchen heben konnte. Ich hatte nicht genug Kraft, um ihn länger zu tragen oder mit dem Kinderwagen spazieren zu gehen. Das war für mich sehr schwer, weil man als Mama sein Kind natürlich selbst versorgen möchte.
Wer hat diese Aufgaben übernommen?
Vor allem mein Partner, er hat unglaublich viel aufgefangen. Er hat sich um Leon gekümmert, den Haushalt organisiert, gekocht, eingekauft und sich gleichzeitig um mich gekümmert. Dazu kamen meine Arzttermine und die Sorge um meine Gesundheit.
Welches Verhältnis hattest du in dieser Zeit zu deinem Körper?
Ein sehr schwieriges. Nach einer Schwangerschaft verändert sich der Körper sowieso. Und dann kommt plötzlich die Krebstherapie dazu. Die Haare fallen aus, die Haut verändert sich, du bist blass, erschöpft und erkennst dich manchmal selbst nicht wieder. Mir war mein Körper innerhalb weniger Monate komplett fremd geworden.
Gab es einen Punkt während der Therapie, an dem du dachtest: „Ich kann nicht mehr“?
Mehrmals. Es gab Tage, an denen ich einfach keine Kraft mehr hatte. Dann habe ich versucht, nicht auf die gesamte Behandlung zu schauen, sondern nur auf den nächsten Tag und manchmal nur auf die nächsten Stunden.
Was hat dir psychisch geholfen?
Mein Sohn war natürlich ein sehr großer Antrieb. Aber ich finde es wichtig zu sagen, dass ein Kind dich nicht automatisch immer stark macht. Es gab auch Tage, an denen gerade die Verantwortung für Leon meine Angst noch größer gemacht hat.
Wie stehst du zu Sätzen wie „Du musst kämpfen“ oder „Du musst positiv denken“?
Damit konnte ich wenig anfangen. Natürlich wollte ich gesund werden. Natürlich habe ich alles getan, was medizinisch notwendig war, aber Krebs ist kein Wettbewerb darüber, wer am positivsten denkt. Es gibt Tage, an denen man Angst hat, wütend ist oder weint – das gehört dazu.
Heute liegt die intensivste Therapiephase hinter dir. Wie geht es dir jetzt?
Vieles ist besser geworden. Meine Haare wachsen wieder, ich habe mehr Kraft und unser Alltag fühlt sich wieder normaler an, aber es ist eine andere Normalität. Die Erkrankung ist nicht plötzlich aus dem Kopf verschwunden.
Wie präsent ist die Angst vor einem Rückfall?
Sie ist da. Wenn ich irgendwo länger Schmerzen habe oder etwas in meinem Körper anders ist, springt mein Kopf sofort an. Ich versuche, diese Angst nicht meinen Alltag bestimmen zu lassen. Aber komplett abschalten kann ich sie nicht.
Hat die Krankheit verändert, was dir heute wichtig ist?
Sehr. Viele Dinge, über die ich mich früher lange aufgeregt hätte, sind heute schneller wieder unwichtig. Gleichzeitig bin ich sensibler geworden. Ich merke früher, wenn mir etwas zu viel wird. Ich habe gelernt, dass Gesundheit nicht selbstverständlich ist.
Was wünschst du dir für die kommende Zeit?
Vor allem Alltag. Ich möchte erleben, wie Leon läuft, wie er sein erstes richtiges Wort sagt, wie er in den Kindergarten kommt. Ich wünsche mir keine spektakulären Dinge. Ich möchte einfach bei meinem Sohn sein und unser Familienleben genießen.
Das Interview führte Leonie Zell











