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Sprechen ohne Angst

Mädchen in einer Gesprächssituation mit einer erwachsenen Frau im Hintergrund

Ein Kind weiß genau, was es sagen möchte, bekommt das Wort aber nicht heraus. Mit der Zeit kann daraus mehr entstehen: Angst vor dem Vorlesen, Schweigen im Unterricht oder die Entscheidung für ein anderes Eis, nur weil sich dessen Name leichter aussprechen lässt. Sprechwissenschaftlerin Emilia Rudolf erklärt, warum Stottern weit über hörbare Blockaden hinausgeht und wie ein intensives Therapiekonzept Kindern und Jugendlichen helfen kann, wieder Kontrolle über ihr Sprechen und Sicherheit im Alltag zu gewinnen.

Porträt der im Interview vorgestellten Therapeutin und Sprechwissenschaftlerin

Emilia Rudolf, Therapeutin und Sprechwissenschaftlerin

Liebe Frau Rudolf, wann sollten Eltern aufmerksam werden, wenn ihr Kind beim Sprechen ins Stocken gerät?

Zunächst muss man unterscheiden. Während der Sprachentwicklung können Unflüssigkeiten auftreten, die noch kein Stottern sind. Typisch beginnt Stottern häufig zwischen dem dritten und fünften Lebensjahr, manchmal aber auch später. Ein Warnsignal ist vor allem sichtbare Anspannung. Das Kind kämpft gegen ein Wort an oder bleibt regelrecht darin stecken. Auch Blockaden, Wortaustausch, abgebrochene Sätze oder zunehmendes Schweigen sollte man ernst nehmen. Wir erleben häufig, dass Eltern sehr früh spüren, dass etwas nicht stimmt, von außen aber hören: „Das verwächst sich schon.“ Wenn Eltern beunruhigt sind, dürfen sie diesem Gefühl vertrauen und fachlichen Rat suchen. Bei einem gerade erst aufgetretenen Stottern kann man zunächst beobachten. Leidet das Kind aber erkennbar darunter, würde ich nicht lange warten.

Stottern hört man. Was sieht man dagegen oft nicht?

Sehr viel. Wir erklären das gern mit einem Eisberg. Hörbare Wiederholungen, Dehnungen und Blockaden liegen über der Wasseroberfläche. Darunter befinden sich Vermeidungsverhalten, Angst, Scham, Wut und viele Gedanken, die Außenstehende überhaupt nicht mitbekommen. Ein Kind bestellt dann beispielsweise nicht das Eis, das es eigentlich möchte, weil es Angst vor einem bestimmten Wort hat. Es lässt die Eltern sprechen, meldet sich in der Schule nicht mehr oder tauscht Wörter aus. Je länger solche Strategien bestehen, desto größer kann die Einschränkung werden.

Was kann das mit einem Schulkind machen?

Stotternde Kinder werden nicht zwangsläufig ausgegrenzt oder gemobbt. Viele machen gute Erfahrungen in ihren Klassen. Die größere Gefahr kann das eigene Rückzugsverhalten sein. Ein Kind kennt die richtige Antwort, meldet sich aber nicht. Es möchte nicht vorlesen oder keinen Vortrag halten. Dann beeinflusst die Angst vor dem Sprechen irgendwann auch den Schulalltag und unter Umständen die Leistung. Deshalb ist ein offener Umgang so wichtig. Ein Kind sollte wissen: Ich stottere. Ich kann nichts dafür. Das hat nichts mit meiner Intelligenz zu tun und es sagt nichts darüber aus, was ich kann. Stottern ist ein Teil von mir, aber nicht meine gesamte Persönlichkeit.

Kann diese Angst später sogar Berufswünsche beeinflussen?

Ja, es gibt Betroffene, die sich bestimmte Berufe nicht zutrauen, obwohl sie alle fachlichen Voraussetzungen mitbringen. Wer über Jahre gelernt hat, schwierige Sprechsituationen zu vermeiden, denkt später womöglich: Wie soll ich Lehrerin werden und vor einer Klasse sprechen? Wie soll ich als Arzt Gespräche führen? Wie schaffe ich ein Vorstellungsgespräch? Das ist besonders bitter, weil nicht die Fähigkeiten fehlen. Die Angst vor dem Sprechen setzt Grenzen. Genau deshalb ist es wichtig, nicht ausschließlich daran zu arbeiten, wie viele Silben jemand stottert, sondern auch daran, was er sich im Leben wieder zutraut.

Viele Kinder, die stottern, gehen zunächst zur Logopädie. Warum verfolgt die Kasseler Stottertherapie einen anderen Ansatz?

Eine ambulante logopädische Therapie kann sehr sinnvoll sein, vor allem wenn die Therapeutin oder der Therapeut auf Stottern spezialisiert ist. Schwierig wird es, wenn über längere Zeit unspezifisch gearbeitet wird und keine Entwicklung zu erkennen ist. Unser Ansatz ist deshalb intensiv. Ab dem Schulalter starten wir mit mehreren aufeinanderfolgenden Therapietagen und begleiten die Kinder anschließend strukturiert weiter. So haben wir Zeit, eine neue Sprechweise nicht nur zu erklären, sondern sie sehr häufig zu trainieren und direkt in unterschiedliche Situationen zu übertragen.

Wie intensiv ist diese erste Phase konkret?

Das hängt vom Alter ab. Für Kinder zwischen drei und sechs Jahren gibt es ein eigenes, altersgerechtes Therapiekonzept. Ab sechs Jahren beginnt die Behandlung mit einer mehrtägigen Intensivphase. Sechs- bis Neunjährige sind sechs Tage bei uns, Neun- bis Zwölfjährige zehn Tage und Jugendliche ab 13 Jahren 13 Tage. Während dieser Zeit sind die Teilnehmenden in der Regel vor Ort untergebracht. Je jünger die Kinder sind, desto stärker werden die Eltern in die Therapie einbezogen. Gerade für Kinder und Jugendliche entsteht dadurch fast ein bisschen ein Ferienlagergefühl. Sie verbringen viel Zeit miteinander, üben gemeinsam, essen zusammen und erleben sich auch außerhalb der eigentlichen Therapie. Gleichzeitig können sie sich in dieser Zeit sehr konzentriert mit ihrem Sprechen beschäftigen, ohne ständig zwischen Schule, Alltag und einer einzelnen Therapiestunde wechseln zu müssen.

Sie arbeiten mit dem Prinzip der sogenannten Sprechrestrukturierung. Was bedeutet das konkret?

Wir bringen den Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen eine neue Art des Sprechens bei, die wir „weiches Sprechen“ nennen. Dabei lernen sie unter anderem, Stimmeinsatz, Sprechtempo und Pausen bewusster zu kontrollieren. Vereinfacht gesagt bekommen sie ein Werkzeug an die Hand, mit dem sie aktiv Einfluss auf ihr Sprechen nehmen können. Diese Sprechweise kann sich zunächst ungewohnt anhören und braucht Konzentration. Unser Ziel ist, dass ein Mensch wieder sagen kann, was er sagen möchte, statt Wörter auszutauschen oder Situationen zu vermeiden. Bei Kindern steht außerdem die Sprechfreude im Vordergrund. Sie sollen wieder erzählen, Fragen stellen, sich melden und erleben: Kommunikation macht Spaß.

Wie wird aus einer erlernten Technik etwas, das auch außerhalb des Therapieraums funktioniert?

Indem man den Therapieraum verlässt. Das ist ein ganz wichtiger Teil unserer Arbeit. Wir trainieren gezielt Situationen, die vorher schwierig waren. Wir gehen in die Stadt, stellen in Geschäften Fragen, telefonieren oder üben Vorträge. Das Entscheidende ist: Das Kind oder der Jugendliche geht jetzt mit einer Strategie in diese Situation. Es muss sich dem Stottern nicht hilflos ausgeliefert fühlen, sondern kann das weiche Sprechen einsetzen und erleben: Ich kann das selbst bewältigen.

Welche Bedeutung hat dabei die intensive Arbeit in der Gruppe?

Eine sehr große, denn unsere Kinder und Jugendlichen arbeiten mit Gleichaltrigen, die dieselben Erfahrungen kennen. Niemand muss erklären, warum er stottert oder weshalb eine bestimmte Situation schwierig ist. Gleichzeitig erleben sich die Kinder nicht permanent als „die Stotternden“. Sie spielen miteinander, lachen und verbringen Zeit zusammen. Da sitzt plötzlich ein Kind in der Gruppe und denkt über einen anderen: Der stottert genauso wie ich und ist trotzdem ein richtig cooler Typ. Diese Erfahrung kann für das Selbstbild enorm wichtig sein. Die Kinder und Jugendlichen erleben, dass sie damit nicht allein sind und ihr Stottern nicht darüber entscheidet, wer sie sind.

Nach der Intensivphase beginnt wieder der normale Alltag. Wie sorgen Sie dafür, dass das Erlernte dort Bestand hat?

Genau deshalb endet die Kasseler Stottertherapie nicht mit dem Intensivkurs. Die Übertragung und Stabilisierung im Alltag gehören fest zum Konzept. In allen Altersstufen nutzen wir auch intensiv die Teletherapie. Die Kinder und Jugendlichen treffen sich online in Gruppen oder einzeln mit uns und arbeiten weiter an ihrem Sprechen. Dabei bringen sie sehr konkrete Situationen mit: „Nächste Woche muss ich einen Vortrag halten.“ Oder: „Das Telefonat hat überhaupt nicht funktioniert.“ Zusätzlich gibt es Auffrischungstermine in Präsenz und ein computergestütztes Übungsprogramm für das Training zu Hause. Das ist wichtig, denn eine Sprechtechnik nützt wenig, wenn sie nur innerhalb des Instituts funktioniert. Sie muss am Familientisch, in der Schule, am Telefon oder beim Bäcker einsetzbar sein.

Welche Rolle spielen die Eltern?

Je jünger ein Kind ist, desto wichtiger sind die Eltern. Bei den kleinen Kindern sind sie intensiv in die Therapie eingebunden und lernen auch selbst, wie sie ihr Kind unterstützen können. Dazu gehört manchmal gerade, weniger zu tun. Sätze wie „Sprich langsamer“, „Hol erst einmal Luft“ oder „Konzentrier dich“ sind gut gemeint, helfen aber nicht. Ein Kind braucht vor allem das Gefühl: Ich darf meinen Satz in meinem Tempo beenden und mein Gegenüber hört mir zu. Eltern sollten Stottern auch nicht zum Tabuthema machen. Man kann offen darüber sprechen. Das nimmt dem Kind das Gefühl, dass mit ihm etwas nicht stimmt oder es sein Sprechen verstecken muss.

Was möchten Sie Eltern sagen, deren Kind sich wegen seines Stotterns immer stärker zurückzieht?

Nehmen Sie Ihr Kind ernst. Und nehmen Sie auch Ihre eigene Sorge ernst. Man muss nicht panisch reagieren, aber auch nicht jahrelang darauf hoffen, dass sich alles von selbst erledigt. Vor allem sollte ein Kind wissen: Du bist nicht schuld daran, dass du stotterst. Du bist deshalb nicht weniger intelligent und musst dich nicht verstecken. Therapie bedeutet für uns auch nicht, einem Kind beizubringen, um jeden Preis möglichst unauffällig zu sprechen. Es geht um etwas viel Wichtigeres: wieder sagen zu können, was man sagen möchte, sich im Unterricht zu melden, selbst ein Eis zu bestellen, einen Vortrag zu halten und sich Gespräche zuzutrauen. Kurz gesagt: wieder Freude am Sprechen zu haben.


Unterstützung und weitere Informationen

Wenn Ihr Kind stottert und Sie sich eine spezialisierte Unterstützung wünschen, kann die Kasseler Stottertherapie eine Anlaufstelle sein. Eltern können sich zunächst in einer kostenlosen Online-Informationsveranstaltung über das Therapiekonzept informieren. Anschließend kann ein Diagnostiktermin vereinbart werden, bei dem gemeinsam geprüft wird, welches Angebot zur jeweiligen Situation und zum Alter des Kindes passt. Die Therapiekosten werden von fast allen Krankenkassen übernommen.

Besuchen Sie www.kasseler-stottertherapie.de für weitere Informationen.

Das Interview wurde in Zusammenarbeit
mit der KST Institut GmbH umgesetzt

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