ADHS gilt noch immer oft als „Wilde-Jungs-Krankheit“. Doch gerade bei Mädchen zeigt sich die Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung häufig anders und bleibt deshalb lange unerkannt. Berit Hullmann kennt dies aus ihrer eigenen Familie. Im Interview spricht die Journalistin und Autorin darüber, wie sich ADHS bei ihrer Tochter bemerkbar machte, warum der Schulstart zum Wendepunkt wurde und weshalb sie das ständige „Eltern-Bashing“ nicht mehr hören kann. Sie erzählt außerdem, was Familien im Alltag wirklich hilft und warum mehr Wissen über Neurodivergenz so wichtig ist.

Berit Hullmann, Journalistin, Autorin und Mutter einer Tochter mit ADHS
Liebe Frau Hullmann, ADHS zeigt sich bei Mädchen oft anders als bei Jungen. Welche ersten Symptome oder Verhaltensweisen haben bei Ihrer Tochter damals den Ausschlag gegeben, dass Sie dachten: Hier läuft etwas anders als bei anderen Kindern?
Als Kleinkind und in der Kitazeit ist sie vor allem durch viel Energie aufgefallen. „Ist die immer so laut?“ war eine der häufigsten Fragen, die uns Eltern gestellt wurde. Sie war wild und frech, aber auch neugierig, kreativ und sensibel. In dem Buch „So viel Freude, so viel Wut“ von Nora Imlau habe ich das erste Mal über „gefühlsstarke Kinder“ gelesen. An ADHS habe ich da nicht gedacht, auch sonst niemand in unserem Umfeld. In der Rückschau sind die Anzeichen deutlich. Die muss man aber erkennen und einordnen können.
Oft vergehen Jahre bis zur Gewissheit. Gab es rückblickend Meilensteine – wie den Kindergartenstart oder die Einschulung –, an denen die Symptome plötzlich unübersehbar wurden?
Bei uns ganz eindeutig der Schulstart. In der Schule steigen die Anforderungen an Konzentration und Stillsitzen natürlich für alle Kinder. Am ersten Elternsprechtag hieß es bereits, meine Tochter sei verträumt und oft abgelenkt. In der Pause hat sie Stöckchen und Steinchen gesammelt, die sie dann im Unterricht auf dem Tisch aufgebaut hat, statt sich auf den Unterricht einzulassen. Im zweiten Halbjahr der ersten Klasse kam dann Corona. Das Homeschooling war eine große Herausforderung. In meiner Erinnerung bestand es bei uns nur aus heruntergefallenen Bleistiften.
Die Diagnose ADHS wirft bei vielen Eltern erst einmal Fragen auf. Wie war der Moment für Sie, als Sie die Diagnose schwarz auf weiß hatten – eher Erleichterung oder Schock?
Es war schon ein Schock, aber nur ein kurzer. Ich hatte die gängigen Vorurteile über ADHS: Das ist eine Wilde-Jungs-Krankheit, das kommt von zu viel Fernsehen, das wächst sich raus. Je mehr ich mich über ADHS informiert habe, umso mehr wuchs die Erleichterung. Wir hatten endlich eine Erklärung dafür, warum ihr Dinge schwerfallen, die andere Kinder scheinbar mühelos erledigen.
ADHS betrifft nie nur ein Kind, sondern wirbelt das gesamte Zuhause auf. Wie hat sich das Verhalten Ihrer Tochter in der intensivsten Phase auf Ihr Familienleben und Ihr eigenes Nervenkostüm ausgewirkt?
Tatsächlich ist es oft so, dass nicht nur ein Familienmitglied ADHS hat. So ist es auch bei uns. Das bedeutet aber nicht automatisch, dass man einander besser versteht. Es kann schon mal explosiv werden. Und um alle Nerven zu schonen, haben wir viele Glaubenssätze darüber, wie Familienleben sein muss, abgelegt. Der Inbegriff von Familie ist ja oft das gemeinsame Essen. Und ich finde das auch schön. Es ist aber bei uns kein Dogma. Wenn ein Kind lieber im Zimmer isst, ist das okay. Frühstück gibt es vor der Schule auch mal im Bett oder im Auto. Alles, was die Nerven schont, ist erlaubt.
Sie schreiben sehr offen und mit einer großen Portion Selbstironie. Welcher typische ADHS-Alltagsmoment hat Sie zuletzt gleichzeitig an Ihre Grenzen und zum Lachen gebracht?
Meine Tochter war in den Sommerferien auf einer Jugendreise. Ich hatte die Erlaubnis, in der Zeit ihr Zimmer auf Vordermann zu bringen, und habe mir sehr viel Mühe damit gegeben. Sie hat sich auch total gefreut, dass es bei ihrer Rückkehr so ordentlich war. Trotzdem hat es keine zehn Minuten gedauert, da herrschte schon wieder das Chaos. Das ADHS-Chaos ist nicht mit einer typischen Teenager-Unordnung zu vergleichen.
Wo stößt man als Mutter eines Kindes mit ADHS in Schule und Gesellschaft am schnellsten auf Unverständnis oder Vorurteile?
„Der braucht mal eine harte Hand“ oder „Du musst ihr mal Grenzen setzen“ ist wohl das, was ADHS-Eltern am häufigsten hören. Und das, wenn sie bereits seit Jahren am Limit sind. Dieses Eltern-Bashing kann ich nicht mehr hören. Es ist übergriffig und verletzend. Die allermeisten Eltern von ADHS-Kindern geben sich sehr viel Mühe, obwohl sie längst ausgebrannt sind. Diese Familien brauchen nicht noch mehr Druck und Abwertung für einen vermeintlich laschen Erziehungsstil. Sie haben einfach mit ganz anderen Themen und Herausforderungen zu tun als Eltern von neurotypischen Kindern. Unsere Gesellschaft ist nicht auf ADHSler ausgelegt. Menschen, egal ob Kinder oder Erwachsene, werden hauptsächlich danach bewertet, wie gut sie funktionieren: wie pünktlich und ordentlich sie sind, wie gut in der Schule oder wie erfolgreich im Job. Was auch immer „erfolgreich“ bedeuten mag, das ist ja auch für jeden etwas anderes.
Gerade Mütter neigen dazu, die Schuld bei sich und ihrer Erziehung zu suchen. Was möchten Sie Müttern zurufen, die gerade an sich selbst verzweifeln?
Grundsätzlich wünsche ich mir weniger Urteile und mehr Aufklärung und Wissen über ADHS und Neurodivergenz. Zu einer vielfältigen Gesellschaft gehören auch Menschen, die zwar etwas anders ticken, oft aber auch neue Perspektiven einbringen. Was ich ADHS-Eltern sagen würde: Informiert euch über ADHS und haltet durch! Wenn die Kinder groß sind, habt ihr die guten Geschichten zu erzählen. Und eine holprige Schulzeit ist anstrengend, für die Eltern manchmal noch mehr als für die Kinder. Sie sagt aber absolut gar nichts darüber aus, ob ein Kind später mal glücklich im Beruf sein wird. ADHSler haben eine gute Chance, eine Nische zu finden, in der sie regelrecht aufblühen.
Wie kam es dazu, dass Sie ein Buch über das Thema geschrieben haben?
Als gelernte Journalistin war mein erster Weg, damit umzugehen, mich ganz tief in das Thema reinzufuchsen. Ich habe mich informiert, recherchiert, gelesen und schließlich darüber geschrieben. Für den SPIEGEL entstand dann eine Serie zu ADHS. Daraus erwuchs die Idee zu diesem Buch. „ADHS verstehen“ soll einerseits verständlich erklären, was hinter diesen vier Buchstaben steht, die uns ja mittlerweile überall begegnen. Andererseits soll es auch unser Denken über „normal“ und „anders“ hinterfragen und vielleicht neu justieren. Und es soll das Gefühl vermitteln, nach dem sich viele Eltern von ADHS-Kindern sehnen: Du bist nicht allein!
Es wird als „Erste-Hilfe-Koffer“ für betroffene Familien beschrieben. Wenn Sie nur ein einziges Werkzeug aus diesem Koffer herausgreifen dürften – welches hilft im Alltag am schnellsten?
Humor hilft auf jeden Fall. Kleinigkeiten einfach Kleinigkeiten sein lassen. Nicht jede offen stehende Schranktür ist einen Konflikt wert. Und um ganz konkret zu werden: Körbe im Kinderzimmer helfen dabei, ganz schnell Ordnung zu schaffen. Und Zahlenschlösser am Fahrrad sparen die nervige Schlüsselsuche.
Warum war es Ihnen wichtig, keinen trockenen Ratgeber zu schreiben, sondern Ihre ganz persönliche, ehrliche Geschichte zu teilen?
ADHS hat viele Gesichter und äußert sich bei allen Betroffenen unterschiedlich. Ich wollte diese Facetten zeigen und abseits von Klischees und Vorurteilen aufklären. Und wie schon gesagt: Das Leben mit ADHS ist oft anstrengend und verläuft selten geradlinig. Aber es bietet immer Stoff für gute Anekdoten. Davon stehen auch einige in dem Buch.
Buchtipp
ADHS verstehen – ohne als Familie den Verstand zu verlieren
Wenn der Frühstückstisch zum Schlachtfeld wird und Hausaufgaben zur Mutprobe mutieren, hilft kein Perfektionismus, sondern echtes Verständnis. Berit Hullmann erzählt ebenso warmherzig wie schonungslos ehrlich aus ihrem eigenen Familienleben mit ADHS. Sie schlägt eine Brücke zwischen medizinischen Fakten und dem ganz normalen Wahnsinn – ein Mutmacher für alle Eltern, die lernen wollen, zwischen Verzweiflung und Zärtlichkeit zu balancieren.
ISBN 9783423264716
dtv (Deutscher Taschenbuch Verlag)
Das Interview führte Leonie Zell.












