Hebamme Jenny Schwartz begleitet Familien seit vielen Jahren durch Schwangerschaft und Wochenbett. Dabei erlebt sie täglich, wie sehr die erste Zeit mit einem Baby von Nähe, Unsicherheit, neuen Rollen und hohen Erwartungen geprägt ist. Im Gespräch erzählt sie, warum Neugeborene vor allem Ruhe brauchen, weshalb Perfektion niemandem hilft und warum wir dringend wieder mehr Intuition statt Instagram brauchen.

Jenny Schwartz, Hebamme
Liebe Jenny, bitte erzähle kurz von dir und deinem beruflichen Werdegang.
Eigentlich habe ich Psychologie an der FU Berlin studiert. Ende der 90er-Jahre habe ich dann eine Freundin bei ihrer Geburt im Krankenhaus Friedrichshain begleitet. Ich hatte damals von Geburtshilfe überhaupt keine Ahnung, habe aber gemerkt, dass mir vieles sehr leichtfiel. Dieses Erlebnis hat mich nicht mehr losgelassen. Während meines Studiums habe ich deshalb ein Praktikum bei einer freiberuflichen Hebamme gemacht, die Hausgeburten begleitet hat. Danach war für mich klar, dass ich Hebamme werden möchte. Meine Ausbildung habe ich in Neukölln gemacht. Das war sehr klinisch geprägt, was ich damals teilweise schwierig fand. Im Nachhinein bin ich dafür dankbar, weil man sehr viele unterschiedliche Situationen und auch Pathologien kennenlernt. Nach meiner Ausbildung bin ich direkt in die Freiberuflichkeit gegangen. Ich habe selbst drei Kinder bekommen und einige Jahre auch außerklinische Geburtshilfe gemacht. Später habe ich mich immer stärker auf Vorsorge und Wochenbettbetreuung konzentriert. Seit über zehn Jahren habe ich eine kleine Praxis bei uns zu Hause und mache heute nur noch Vor- und Nachsorge. Damit bin ich sehr glücklich.
Wenn du einen guten Start ins Leben in drei Wörtern beschreiben müsstest, welche wären das?
Zeit, Ruhe und Aufmerksamkeit. Babys brauchen in den ersten Tagen vor allem ganz viel Ruhe, Bonding, Kuscheln, Hautkontakt und Geduld. Eltern müssen sich auf diese neue Situation einlassen dürfen. Jedes Baby ist dabei anders. Manche Kinder brauchen sehr viel Regulation, andere deutlich weniger. Wenn ein Baby zufrieden ist, muss man nicht permanent versuchen, etwas mit ihm zu machen oder es zu regulieren. Man darf sein Kind auch einfach beobachten und kennenlernen.
Wie hat sich die Unsicherheit von Eltern in den vergangenen Jahren verändert? Welche Rolle spielen dabei Social Media?
Ich beobachte heute sehr viel mehr Ängste als früher. Die Intuition wird leider zunehmend weniger, wir werden immer verkopfter. Natürlich haben früher auch Freunde, Eltern oder Großeltern ihre Ratschläge gegeben. Aber dieser permanente Außeneinfluss war noch nicht da. Heute bekommt man über Social Media ständig vermittelt, was alles passieren kann und wie man es angeblich richtig machen muss. Jeder gibt auf Instagram seinen Tipp. Das verunsichert Eltern enorm. Ich glaube aber, dass alle Menschen diese Intuition haben, solange man ihnen nicht ständig reinquatscht. Wenn ich sehe, dass Eltern intuitiv etwas wunderbar machen und das Baby zufrieden ist, dann funke ich da auch nicht mit irgendwelchen Ratschlägen dazwischen.
Auf Social Media sieht auch das Wochenbett oft nach kuscheligen Decken, Kerzenschein und purem Glück aus. Wie sieht die Realität aus, die du täglich erlebst?
Viele Paare wissen vor ihrem ersten Kind gar nicht, was Wochenbett wirklich bedeutet. Besonders viele Männer sind überrascht, welche Aufgaben in dieser Zeit auf sie zukommen. Die Realität ist, dass die Eltern sehr müde sind. Das Baby braucht rund um die Uhr Aufmerksamkeit. Manchmal schafft man es erst nachmittags zu duschen, und das ist auch völlig in Ordnung. Ich sage den Eltern auch, dass für mich nicht geputzt werden muss. Die Tür muss aufgehen, mehr nicht. Genießt diese Anfangszeit. Ob dabei eine Kerze brennt oder nicht, ist völlig nebensächlich.
Wie gehen Eltern am besten mit dem Erwartungsdruck von außen um, zum Beispiel mit Besuch oder einem perfekt sauberen Haushalt?
Ich bespreche das Thema Besuch sehr ausführlich mit meinen Familien. In den ersten 14 Tagen braucht eine Familie vor allem Ruhe. Oma und Opa dürfen natürlich einmal schauen kommen, aber dann bringen sie am besten ihren Kuchen selbst mit und bleiben nicht stundenlang. Eine Geburt ist für den Körper eine enorme Leistung. Nach einer großen Operation würde auch niemand erwarten, dass man sofort Gäste bewirtet. Genau diese Ruhe sollten wir auch Frauen nach einer Geburt zugestehen. Wenn eine Freundin kommt und dann gleich noch einmal durchsaugt oder Essen mitbringt, ist das viel hilfreicher, als wenn die frischgebackenen Eltern das Gefühl haben, Besuch bewirten zu müssen.
Wie sieht das Wochenbett aus, wenn kein Partner da ist?
Ich hatte einmal ein Jahr, in dem ich acht alleinerziehende Frauen betreut habe. Das war fast wie eine Fortbildung für mich. Diese Frauen sind unfassbar stark. Sie wissen: Da ist kein Back-up, da ist niemand, der ihnen automatisch den Rücken freihält. Dadurch sind sie oft sehr belastbar und sehr kompetent. Trotzdem muss man schauen: Welche Ressourcen gibt es? Wer kann unterstützen? Das kann eine Freundin sein, die Essen bringt oder das Baby einmal nimmt. Es gibt aber auch Mütterpflegerinnen, Haushaltshilfen oder Familienhebammen. Man muss sich ein Netzwerk aufbauen und Hilfe holen, wenn man sie braucht.
Das Wochenbett wird oft unterschätzt. Wie sieht eine gesunde Balance zwischen Ruhe und neuem Alltag aus?
Man muss sich klarmachen, dass man erst einmal eine Familie werden muss. Gerade beim ersten Kind ist plötzlich dieses kleine Wesen da und alles dreht sich darum. Aber auch wenn das zweite oder dritte Kind kommt, stellt sich eine Familie wieder komplett neu auf. Das große Geschwisterkind ist plötzlich nicht mehr das einzige Kind. Aus dem jüngsten Kind wird vielleicht das Mittelkind. Die Eltern müssen nicht nur den Säugling versorgen, sondern auch noch Kinder, die in die Kita oder Schule gehen. Und jedes Baby ist anders. Eltern vergleichen sehr viel und sind dann manchmal verwundert, dass das dritte Kind ganz anders ist als die beiden davor. Aber jedes Kind ist ein Individuum. Man muss hinschauen: Ist mein Kind kälteempfindlich? Ist es geräuschempfindlich? Kann es überall schlafen? Braucht es mehr Ruhe? Es gibt keine Regel, die bei allen Babys funktioniert. Das Wochenbett ist auch dafür da, sein Kind in Ruhe kennenzulernen.
Welche drei Dinge sollten in keiner „Überlebensausrüstung“ fehlen?
Als Erstes ein guter Wickelplatz. Man braucht kein komplett eingerichtetes Babyzimmer. Viel wichtiger ist ein Ort, an dem man bequem wickeln kann und alles griffbereit hat. Wärme finde ich dabei besonders wichtig, weil Babys aus einer Umgebung von ungefähr 37 Grad kommen und sich beim Wickeln mit Wärme oft viel wohler fühlen. Das Zweite ist ein gemütlicher Platz zum Stillen und Ausruhen. Ein Bett oder ein anderer Ort, an dem man liegen, sitzen, essen, lesen und unterschiedliche Stillpositionen ausprobieren kann. Und das Dritte ist gutes Essen. Das wird völlig unterschätzt. Es sollte genug nahrhaftes, gut verträgliches Essen da sein. Suppen oder proteinreiche Gerichte sind wunderbar. Wenn niemand kochen kann, darf man sich gutes Essen bestellen. Auch ein Gutschein für Essen ist aus meiner Sicht oft das viel bessere Geschenk als das nächste Kuscheltier oder der nächste Strampler.
Väter oder Co-Partner fühlen sich am Anfang oft wie „Zuschauer“. Welchen ganz konkreten Job sollten sie ab Tag eins übernehmen?
Sie sind im besten Fall die Wochenbettmanager. Sie kochen, putzen, gehen einkaufen, kümmern sich um ältere Geschwister und halten der Mutter den Rücken frei. Gleichzeitig sollen sie natürlich auch selbst Zeit mit ihrem Baby verbringen, mit ihm kuscheln, es wickeln und tragen. Ich erlebe heute viele Väter, die sehr interessiert sind und ganz selbstverständlich fragen, wie ein Tragetuch funktioniert oder wie sie ihr Baby versorgen können. Das hat sich in den vergangenen Jahren zum Glück sehr positiv verändert. Familie ist etwas, auf das man sich gemeinsam einlässt. Deshalb sollte auch die Verantwortung gemeinsam getragen werden.
Was ist der wichtigste Rat, den du frischgebackenen Eltern für die ersten Tage zu Hause mitgeben möchtest?
Vertraut euch und schaut auf euer Kind. Jedes Kind und jede Familie ist anders. Es gibt keine Regel, die bei allen funktioniert. Wenn euer Baby zufrieden ist, müsst ihr nicht permanent eingreifen. Lernt euer Kind kennen und schaut, was genau dieses Kind braucht.
Wenn eine Mutter diesen Artikel liest und sich gerade völlig erschöpft und überfordert fühlt: Was möchtest du ihr genau jetzt sagen?
Es wird leichter. Und sei mutig zu sagen: „Ich bin erschöpft, ich bin müde und ich brauche Hilfe.“ Das macht dich nicht zu einer schlechten Mutter. Eltern sind mit einem kleinen Kind über lange Zeit müde. Man hat Augenringe, sieht nicht immer top aus und schafft nicht jeden Tag alles. Das muss man auch nicht. Babys weinen, das ist manchmal anstrengend. Macht euch frei von diesen Bildern im Internet, von den Frauen, die morgens um acht schon geschminkt sind und Yoga gemacht haben. Die normale Mutter hat ein T-Shirt an, macht sich einen Zopf, zieht die Jeans an, die seit Wochen nicht gewaschen ist, und ist froh, wenn das Kind die Haare gekämmt hat. Also bitte hört auf, einem perfekten Bild hinterherzulaufen, das es im echten Leben gar nicht gibt. Dieser Perfektionismus geht häufig auf Kosten der mentalen Gesundheit.
Das Interview führte Emma Howe











