Jeder Mensch hatte sicherlich schon einmal Schlafprobleme, hat sich nachts im Bett hin und her gewälzt und weiß, wie erschöpft man am nächsten Tag ist. Bei blinden Menschen kann eine chronische Schlaf-Wach-Störung dahinterstecken. Die meisten Menschen folgen einem Tag-Nacht-Rhythmus, dem zirkadianen Rhythmus: schlafen in der Nacht, wach sein am Tag. Doch bei blinden Menschen funktioniert oft die Synchronisation durch die fehlende Lichtanpassung nicht und es kommt zur „Nicht-24-Stunden-Schlaf-Wach-Störung“, kurz Non-24.
Der Schlafrhythmus aus dem Takt
Der tägliche Rhythmus eines Menschen dauert durchschnittlich 24,2 Stunden.1 Um mit unserer Umgebung im Tag-Nacht-Rhythmus synchron zu bleiben, wird die innere Uhr durch Lichtwahrnehmung täglich neu justiert. Bei vollkommen blinden Menschen oder Menschen, die nur noch einen Lichtschein wahrnehmen können, bleibt das Lichtsignal aus. Typisch für Non-24 ist das Verschieben der Schlafenszeit. Anfangs verschiebt sich die innere Uhr nur um wenige Minuten, doch diese Minuten summieren sich dann schnell auf mehrere Stunden. Innerhalb von kurzer Zeit wird der Schlaf-Wach-Rhythmus auf den Kopf gestellt. Nachts sind Non-24-Betroffene wach, tagsüber quält sie eine lähmende Müdigkeit. Schätzungen zufolge sind bis zu 50 bis 70 Prozent der vollständig blinden Menschen von dieser Störung betroffen.2
Cortisol als Energie-Booster
Für die Steuerung des Tag-Nacht-Rhythmus sind das Schlafhormon Melatonin und das Stresshormon Cortisol verantwortlich. Circa drei Stunden vor dem Aufwachen steigt die Cortisolproduktion an und ermöglicht uns einen aktiven Start in den neuen Tag. Tagsüber wird Licht vom Auge aufgenommen und setzt Cortisol frei. Gegen Abend nimmt die Cortisolproduktion ab. Somit entscheidet der Zeitpunkt der Cortisol-freisetzung, wann wir aktiv sind. Melatonin ist der Gegenspieler des Cortisols. Ist es hell, wird die Produktion von Melatonin unterdrückt, ist es dunkel, wird Melatonin gebildet. Viele Organe schalten durch Melatonin vom aktiven Modus in den „Schlafmodus“ um. Gibt es durch eine vollkommene Erblindung keine Lichtwahrnehmung, kann es zu Non-24 kommen.
Auswirkungen von Non-24
Der Schlaf dient der körperlichen Regeneration und der Verarbeitung von Informationen. Guter Schlaf wirkt sich positiv auf unser Immunsystem aus, auf den Stoffwechsel, die Hormonproduktion und wichtige Organfunktionen. Schlechter oder unregelmäßiger Schlaf kann enorme Auswirkungen auf unseren Körper, unsere Psyche und damit auf unser Leben haben. Krankheiten wie Depressionen, Bluthochdruck oder Diabetes sind mögliche Langzeitfolgen.
Diagnose Non-24
Zur Diagnose von Non-24 ist zunächst eine Schlafanamnese sinnvoll. Das heißt, Betroffene sollten über mehrere Monate ein Schlaftagebuch führen.3 Ein Schlaftagebuch liefert einem Facharzt für Schlafmedizin wichtige Informationen über das Schlaf-Wach-Verhalten und dessen Ursache. Eine Übernachtung im Schlaflabor kann ebenfalls sinnvoll sein.
Therapie bei Non-24
Ein einfacher Ratschlag für Betroffene ist die Einhaltung einer individuellen Schlafhygiene. Das heißt, sie sollten sich an feste Schlafenszeiten halten. Auch regelmäßige körperliche Aktivitäten könnten helfen. Betroffenen mit gesicherter Non-24-Diagnose kann der Wirkstoff Tasimelteon verschrieben werden. Tasimelteon täuscht dem Gehirn das Vorhandensein von Melatonin vor, indem es sich an dieselben Stellen im Gehirn bindet wie das körpereigene Hormon Melatonin. Bei Einnahme kurz vor dem Schlafengehen passt der Wirkstoff den Schlaf-Wach-Rhythmus an den gängigen 24-Stunden-Rhythmus an. In jedem Fall ist es für die Behandlung eines Non-24-Syndroms zwingend erforderlich, einen Facharzt für Schlafmedizin mit Erfahrung mit Non-24 zurate zu ziehen.
Quellen: 1 Czeisler CA, Gooley JJ (2007). Sleep and circadian rhythms in humans. Cold Spring Harb Symp Quant Biol 72:579–597. 2 Ingo Fietze, Christoph Nissen, Thomas Erler & Peter Young, (2016). Non-24: eine unterschätzte zirkadiane Schlafstörung bei Blinden. Springer Nature Link Volume 20, pages 119–124. 3 Deutsche Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin e. V. (www.dgsm.de)
Anlaufstelle für Betroffene und Angehörige
PRO RETINA Deutschland e. V. ist mit bundesweit rund 8.000 Mitgliedern und 55 Regionalgruppen die größte und älteste Selbsthilfevereinigung von und für Menschen mit Netzhautdegenerationen. Sie setzt sich dafür ein, dass seheingeschränkte und blinde Menschen ihre Krankheit bewältigen und ein selbstbestimmtes Leben führen. Das Patientenregister von PRO RETINA ermöglicht Betroffenen den schnellen Zugang zu klinischen Studien. Die ehrenamtlichen Berater unterstützen Menschen mit Netzhauterkrankungen. Interessierte können zahlreiche Broschüren zu den unterschiedlichsten Krankheitsbildern, zu Hilfsmitteln, zur Bewahrung von Alltagskompetenzen und zu sozialen Fragen kostenlos bestellen.
www.pro-retina.de
Autor: Dr. Sandra Jansen











