Neurologische Erkrankungen

Wenn das Gehirn die Muskeln nicht mehr besänftigt

Neurologische Bewegungsstörungen, wie beispielsweise eine Spastik, sind eine häufige Folgeerscheinung von neurologischen Erkrankungen oder Verletzungen des zentralen Nervensystems. Spastische Lähmungen äußern sich durch eine erhöhte Muskelspannung und eine ausgeprägte Muskelsteifheit, unwillkürliche Zuckungen und schmerzhafte Muskelkrämpfe, was die Mobilität und damit auch die Bewältigung alltäglicher Aufgaben und die Lebensqualität betroffener Personen wesentlich beeinträchtigen kann. Dr. med. Jürgen Hamacher, niedergelassener Neurochirurg und Schmerztherapeut, erklärt im Interview, wie ein ausgewogenes, interdisziplinäres Therapiekonzept Betroffenen hilft, die Selbstständigkeit im Alltag zurückzugewinnen.
Porträt von Dr. med. Jürgen Hamacher, niedergelassener Neurochirurg und Experte für Schmerztherapie.

Dr. med. Jürgen Hamacher
Neurochirurg und Schmerztherapeut aus Essen

Herr Dr. Hamacher, was sind nach der Diagnose einer neurologischen Bewegungsstörung die größten Sorgen Ihrer Patienten?

Ganz klar die Immobilität. Die Menschen merken sofort, dass sie nicht mehr unbeschwert von A nach B kommen. Es entsteht die existenzielle Angst, nicht mehr laufen zu können oder die Unabhängigkeit bei einfachen Dingen wie Kochen oder Wäschewaschen zu verlieren.

Wie stark beeinflusst eine ausgeprägte Spastik die Lebensqualität im Alltag?

Sie beeinträchtigt die Selbstversorgung erheblich. Das geht aber weit über das Funktionelle hinaus: Es trifft das Selbstwertgefühl massiv. Eine sichtbare Spastik führt im Alltag leider oft zu einer Stigmatisierung. Selbst bei leichteren Formen ist das psychische Handicap riesig, weil Betroffene täglich blockiert sind und oft auf fremde Hilfe angewiesen bleiben.

Bei welchen Erkrankungen treten diese massiven Verkrampfungen am häufigsten auf?

Am häufigsten tritt die Spastik als Folge eines Schlaganfalls auf. Danach folgen Multiple Sklerose, Querschnittlähmungen und Schädel-Hirn-Verletzungen. Allein beim Schlaganfall entwickelt etwa die Hälfte der Patienten im Verlauf eine spastische Tonuserhöhung, also eine dauerhafte, krankhafte Muskelanspannung, wobei sich bei circa 40 Prozent eine beeinträchtigende Spastik ausprägt. Probleme sind dann vor allem die Funktionsstörung und die Schmerzen. Bei jährlich rund 270.000 Schlaganfällen in Deutschland – darunter circa 200.000 Neuerkrankungen – ist das eine immense Zahl. Dennoch gibt es eine große Versorgungslücke, da viele Betroffene lange nach spezialisierter Hilfe suchen müssen.


So kann eine Spastik am Arm aussehen:
Grafik Armspatik

Durch die Spastik in bestimmten Muskeln bzw. Muskelgruppen entstehen typische
sogenannte Spastikmuster. Das Haltungs- und Bewegungsmuster bei einer spastischen Lähmung des Armes oder Beines lässt sich bei den meisten Betroffenen einem der folgenden Muster zuordnen, wobei die Übergänge fließend sind.

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Spastik wird von Laien oft mit einem normalen Muskelkrampf verwechselt. Was passiert im Nervensystem?

Im gesunden Zustand senden Nervenbahnen aus dem Gehirn dämpfende, besänftigende Signale an die Muskulatur. Fällt diese „Besänftigung“ durch eine Schädigung aus, geraten die Muskeln in eine völlige Enthemmung. Physiologisch ist es wie ein dauerhafter Muskelkater, der nicht mehr loslässt. Das führt dazu, dass sich beispielsweise eine Faust so fest schließt, dass man die Fingernägel nicht mehr schneiden kann. Am Fuß krümmen sich die Zehen, man läuft auf der Außenkante, und das Knie lässt sich nicht mehr beugen, wodurch das Bein funktionell zu lang wird.

Wie sieht die moderne Behandlung aus, um diese Blockaden zu lösen? Folgt die Therapie einem festen Schema?

Nein, die moderne Spastiktherapie folgt keinem starren Schema, sondern basiert auf einem multimodalen, interdisziplinären Ansatz. Das Fundament bilden immer nicht-medikamentöse Behandlungen wie die Physiotherapie zur Erhaltung der Beweglichkeit und die Ergotherapie für das Alltagstraining. Das ist aber kein zeitliches Nacheinander, sondern ein enges Zusammenspiel: Wenn eine spastische Blockade zu stark ist, kann die Physiotherapie allein gar nichts ausrichten, weil der Muskel völlig dichtmacht. In diesen Fällen müssen wir den Muskel zuerst medikamentös von innen lockern, um überhaupt erst ein therapeutisches Fenster für die Übungen zu öffnen. Ein ganz wesentlicher und bewährter Baustein für diese gezielte Lockerung ist Botulinumtoxin. Je nach Ausprägung und Bedarf kommen ergänzend oder alternativ aber auch orale Medikamente, intrathekale Pumpensysteme oder neurochirurgische und orthopädische Eingriffe zum Einsatz, um das beste Ergebnis für den Patienten zu erzielen.

In der Öffentlichkeit ist Botulinumtoxin vor allem aus der Schönheitsmedizin bekannt. Welche Rolle spielt es in der neurologischen Rehabilitation?

In der Neurologie arbeiten wir in einer ganz anderen Tiefe, mit anderen Nadeln und in Muskelgruppen, die tief im Körper liegen. In der Rehabilitation nutzen wir den Wirkstoff, um die krankhafte Überaktivität der blockierten Muskeln gezielt zu senken. Das Ziel ist hier keine Faltenglättung, sondern der Erhalt oder die Wiederherstellung von Bewegung und Alltagskompetenz.

Wann genau ist eine symptomatische Behandlung mit Botulinumtoxin medizinisch indiziert?

Es ist kein pauschales Allheilmittel für jede Form der Spastik. Es ist vor allem gezielt dann indiziert, wenn eine lokale Spastik vorliegt – also wenn einzelne, klar abgrenzbare Muskelgruppen die Funktion behindern, Schmerzen verursachen oder die Pflege erschweren. Zudem unterscheidet die Medizin strikt nach den Therapiezielen: Wir setzen es ein, um passive Funktionen wie die Handhygiene zu ermöglichen oder um aktive Funktionen wie das Greifen oder das Gangbild zu verbessern.

Wie genau funktioniert die Entspannung biologisch im Muskel?

An der neuromuskulären Endplatte übertragen Nerven normalerweise einen Botenstoff, der dem Muskel den Befehl zum Anspannen gibt. Botulinumtoxin blockiert diese Freisetzung vorübergehend. Der Muskel entspannt sich. Das Medikament wird in Kochsalzlösung aufgelöst und mit einer feinen Nadel direkt in die betroffene Muskulatur gespritzt – typischerweise nutzt man zwei Einstichstellen pro Muskel. Da der Körper den Wirkstoff wie ein Uhrwerk kontinuierlich abbaut, hält die Wirkung rund drei Monate an, bevor die Injektion wiederholt werden muss.

Viele Patienten haben anfangs Respekt oder gar Angst vor dem Begriff „Nervengift“. Wie nehmen Sie Betroffenen diese Berührungsängste vor der Injektionstherapie?

Ich kann diese Angst absolut verstehen, schließlich ist Botulinumtoxin eines der stärksten Gifte auf unserem Planeten. Ich nehme den Patienten die Angst, indem ich auf die exzellente Datenlage verweise: Es ist eine Substanz mit gut beschriebenem Sicherheitsprofil, die wir rein lokal anwenden. Es wird nicht eingesetzt, um den Körper zu schädigen, sondern um gezielt zu helfen. Am Ende überwiegt bei den meisten Menschen die reine Erleichterung, dass es überhaupt eine wirksame Behandlungsmöglichkeit für ihre schweren Einschränkungen gibt.

Warum ist das Zusammenspiel mit Physio- und Ergotherapie nach der Injektion so entscheidend?

Weil die Injektion allein keine veränderten Bewegungsmuster trainiert. Das Toxin schafft lediglich ein zeitlich begrenztes „therapeutisches Fenster“, indem es die Muskelspannung senkt. Wenn in dieser Phase keine intensive Physio- oder Ergotherapie stattfindet, verpufft der Effekt. Zudem muss sich der Muskel bewegen, damit sich der Wirkstoff nach der Injektion optimal im Gewebe verteilt. Ohne anschließende Therapie bleibt er schlimmstenfalls als ungenutztes Depot im Muskel liegen. Bei sehr leichten Spastiken (Grad 1 und 2) kommen Patienten oft noch mit reiner Physiotherapie aus. Sobald sich Muskeln spürbar verkürzen, hilft zwingend nur noch die Kombination.

Können Sie uns von einer Patientengeschichte berichten, bei der dieses Zusammenspiel den Alltag spürbar erleichtert hat?

Ich denke an einen 42-jährigen Mann, der nach einem Schlaganfall eine schwere Spastik im linken Arm entwickelte. Er verlor seinen geliebten Job im produzierenden Gewerbe, geriet in wirtschaftliche Not und fühlte sich in seiner Familie wie ein „Wrack“. Nach einer langen Odyssee kam er zu mir. Wir intensivierten die Physio- und Ergotherapie und starteten parallel mit Botulinumtoxin-Injektionen. Bereits nach drei Monaten konnte er in seinen Job zurückkehren. Sein Selbstwertgefühl ist zurück und er steht wieder mitten im Leben.

Welchen Rat geben Sie Betroffenen und Angehörigen mit auf den Weg?

Geben Sie nicht auf, eine Spastik ist grundsätzlich behandelbar! Je früher man nach dem Eintritt der Symptome mit einem interdisziplinären Therapiekonzept beginnt, desto effektiver können wir Folgeschäden verhindern. Nutzen Sie bei der Facharztsuche auch die Vermittlungsstellen der Kassenärztlichen Vereinigungen, um spezialisierte neurologische Unterstützung zu finden.


Jede spastische Bewegungsstörung erfordert individuelle Lösungswege. Um die Versorgung zu verbessern und die eigene Selbstständigkeit im Alltag bestmöglich zu sichern, bietet die Plattform „Räume zum Reden“ Unterstützung. Besuchen Sie die Website www.raeume-zum-reden.eu.

Logo von Ipsen
 


Das Interview wurde in Zusammenarbeit mit IPSEN umgesetzt.

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