Neurologische Erkrankungen

Migräne erkennen und richtig behandeln

Porträt von Prof. Dr. med. Hartmut Göbel, Kopfschmerzexperte und Gründer der Schmerzklinik Kiel
Interview mit dem renommierten Kopfschmerzexperten Professor Dr. Hartmut Göbel.

Was ist Migräne?

Migräne ist eine neurologische Erkrankung des Gehirns, die durch episodische Kopfschmerzen mit einer Attackendauer von 4-72 Stunden gekennzeichnet ist. Es handelt sich nicht einfach um „starke Kopfschmerzen“, sondern um eine komplexe Funktionsstörung neuronaler Netzwerke. Typisch sind wiederkehrende Attacken mit meist einseitigen, pulsierenden Schmerzen, begleitet von Übelkeit, Licht- und Geräuschempfindlichkeit sowie häufig einer ausgeprägten Beeinträchtigung der Alltagsfähigkeit. Körperliche Tätigkeit verstärkt die Kopfschmerzen, viele Betroffene sind daher bettlägerig. Bei einem Teil der Betroffenen treten zusätzlich neurologische Symptome, sogenannte Auren, auf. Migräne ist eine eigenständige Erkrankung mit genetischer Grundlage und spezifischen biologischen Mechanismen. Sie zählt zu den am schwersten behindernden Erkrankungen des Menschen, insbesondere bei Frauen. Pro Jahr sind ca. 17 Prozent der Bevölkerung betroffen.

Welche typischen Fehlannahmen begegnen Ihnen bei Patienten, wenn es um Migräne und ihre Behandlung geht?

Eine der häufigsten Fehlannahmen ist, dass Migräne „nur Kopfschmerz“ sei und man sich „zusammenreißen“ müsse. Viele Betroffene glauben zudem, Migräne sei psychisch bedingt oder Ausdruck von Stress allein. Ebenso verbreitet ist die Vorstellung, dass Schmerzmittel grundsätzlich ausreichen müssten. Tatsächlich erfordert Migräne häufig eine gezielte, individualisierte Therapie. Ein weiterer Irrtum ist die Angst vor spezifischen Medikamenten wie Triptanen, die unbegründet als gefährlich eingeschätzt werden, obwohl sie bei korrekter Anwendung sehr wirksam und sicher sind.

Ist Migräne in der Praxis leicht zu diagnostizieren und wo liegen die häufigsten Fehler bei der Diagnosestellung?

Grundsätzlich ist Migräne eine klinische Diagnose, die anhand der Anamnese gestellt wird. Wichtig ist dabei, dass ein genaues Bild der Attacken deutlich und der Verlauf gut eschrieben wird. Es sind keine aufwendigen apparativen Untersuchungen erforderlich. Dennoch wird die Diagnose häufig verzögert gestellt. Typische Fehler bestehen darin, die begleitenden Symptome nicht ausreichend zu berücksichtigen oder Migräne mit Spannungskopfschmerz oder einer Erkrankung der Halswirbelsäule zu verwechseln. Auch wird die Bedeutung der Attackendynamik oft unterschätzt. Nicht selten werden unnötige bildgebende Verfahren durchgeführt, während gleichzeitig die eigentliche Diagnose nicht klar benannt wird.

Wird Migräne Ihrer Erfahrung nach noch zu oft übersehen oder falsch eingeordnet?

Ja, eindeutig. Migräne wird nach wie vor häufig unterdiagnostiziert oder fehldiagnostiziert. Viele Betroffene erhalten über Jahre keine korrekte Diagnose und damit auch keine adäquate Therapie. Das liegt unter anderem daran, dass Migräne in ihrer Vielfalt nicht immer erkannt wird und dass Kopfschmerzen insgesamt in der medizinischen Versorgung noch nicht den Stellenwert haben, den sie aufgrund ihrer hohen Krankheitslast haben sollten.

Welche Folgen hat eine späte oder falsche Diagnose für die Betroffenen?

Die Folgen sind erheblich. Ohne korrekte Diagnose erfolgt meist keine leitliniengerechte Therapie. Es wird geschätzt, dass eine solche leitliniengerechte Behandlung bei weniger als 20 Prozent der Betroffenen erfolgt. Die Attacken können häufiger und schwerer werden, es kann zu einer Chronifizierung kommen. Zudem steigt das Risiko für einen Medikamentenübergebrauchskopfschmerz. Auch psychosoziale Folgen wie Arbeitsunfähigkeit, Rückzug und eine deutliche Einschränkung der Lebensqualität sind häufig. Eine frühzeitige und richtige Diagnose ist daher entscheidend für den Krankheitsverlauf.

Welche Fortschritte gab es in den letzten Jahren in der Migränetherapie?

In den letzten Jahren hat es bedeutende Fortschritte gegeben, insbesondere durch die Entwicklung spezifischer Therapien, die gezielt in die Migränemechanismen eingreifen. Hierzu zählen vor allem die CGRP-Antikörper sowie neue Akuttherapeutika wie Gepante und Ditane. In der Attackentherapie haben die Triptane die Behandlung entscheidend verbessert. Diese Medikamente eröffnen insbesondere für Patienten mit häufigen oder therapieresistenten Migräneattacken neue Möglichkeiten. Darüber hinaus hat sich das Verständnis der Erkrankung insgesamt deutlich verbessert, was auch zu einer differenzierteren und individuelleren Behandlung geführt hat.

Welche Rolle spielt der richtige Einnahmezeitpunkt von Triptanen für den Therapieerfolg?

Der Einnahmezeitpunkt ist entscheidend. Triptane wirken am besten, wenn sie früh in der Attacke eingenommen werden, idealerweise bei Einsetzen des Kopfschmerzes. Wird die Einnahme zu lange hinausgezögert, kann die Wirksamkeit deutlich reduziert sein. Gleichzeitig sollten sie nicht in der Aura-Phase ohne Kopfschmerz eingenommen werden. Eine gute Aufklärung der Patienten über den richtigen Zeitpunkt ist daher ein zentraler Bestandteil der Therapie.

Warum kommt es bei manchen Patienten zu wiederkehrenden Kopfschmerzen nach zunächst guter Wirkung?

Dieses Phänomen, das als Wiederkehrkopfschmerz bezeichnet wird, kann verschiedene Ursachen haben. Eine Rolle spielen pharmakokinetische Faktoren, also die Wirkdauer des Medikaments, sowie individuelle Unterschiede im Migräneverlauf. Bei manchen Patienten hält die Attacke länger an als die Wirkung des Medikaments. In solchen Fällen kann eine zweite Einnahme notwendig sein oder eine Kombinationstherapie sinnvoll werden.

Welche Vorteile sehen Sie in einer Kombinationstherapie?

Die Kombinationstherapie kann die Wirksamkeit deutlich verbessern, da unterschiedliche Wirkmechanismen gleichzeitig adressiert werden. Während Triptane gezielt in die Migränepathophysiologie eingreifen, wirken NSAR entzündungshemmend und schmerzlindernd. Dadurch kann nicht nur die Schmerzfreiheit schneller erreicht werden, sondern auch das Risiko für ein Wiederauftreten der Beschwerden reduziert werden.

Für welche Patientengruppen eignet sich eine Kombination besonders?

Besonders geeignet ist die Kombinationstherapie für Patienten mit mittelschweren bis schweren Attacken, bei unzureichender Wirkung einer Monotherapie oder bei Neigung zu Wiederkehrkopfschmerzen. Auch bei länger anhaltenden Attacken kann die Kombination von Vorteil sein. Die Entscheidung sollte jedoch immer individuell getroffen werden.

Wie wichtig ist es, verschiedene Therapieoptionen individuell auszuprobieren?

Das ist von zentraler Bedeutung. Migräne ist eine sehr individuelle Erkrankung, und die Wirksamkeit von Therapien kann von Patient zu Patient stark variieren. Es ist wichtig, verschiedene Optionen strukturiert zu testen, um die jeweils beste Behandlung zu finden. Dabei spielen neben der Wirksamkeit auch Verträglichkeit und praktische Aspekte eine Rolle.

Welche Rolle spielt die Aufklärung bei der Verbesserung der Therapietreue?

Die Aufklärung ist ein entscheidender Faktor. Nur wenn Patienten ihre Erkrankung verstehen und wissen, wie die Therapie richtig angewendet wird, können sie diese auch effektiv nutzen. Missverständnisse führen häufig zu Fehlanwendungen und damit zu unzureichendem Therapieerfolg. Eine gute Aufklärung verbessert daher direkt die Therapietreue und die Behandlungsergebnisse.

Wie können Patienten aktiv dazu beitragen, ihre Behandlungsergebnisse zu verbessern?

Nichtmedikamentöse Verhaltensmaßnahmen sind ein zentraler Bestandteil der Migränetherapie. Sie wirken nicht nur ergänzend, sondern oft entscheidend – insbesondere im Hinblick auf die Reduktion der Attackenhäufigkeit, die Stabilisierung des Nervensystems und die Vermeidung einer Chronifizierung. Entscheidend ist, dass diese Maßnahmen regelmäßig und langfristig umgesetzt werden. Ein wesentlicher Faktor ist die Regelmäßigkeit im Lebensrhythmus. Das Gehirn von Migränepatienten reagiert empfindlich auf Veränderungen. Unregelmäßiger Schlaf, ausgelassene Mahlzeiten oder stark schwankende Tagesabläufe können Attacken begünstigen. Wichtig sind daher feste Schlafzeiten, regelmäßige Mahlzeiten und ein möglichst konstanter Tagesablauf – auch am Wochenende.

Von großer Bedeutung ist zudem Ausdauerbewegung. Regelmäßige körperliche Aktivität wie zügiges Gehen, Radfahren oder Schwimmen wirkt stabilisierend auf die neuronale Reizverarbeitung. Empfohlen werden zwei- bis dreimal pro Woche moderates Ausdauertraining über mindestens 30 Minuten. Wichtig ist ein langsamer Aufbau, da Überforderung wiederum Attacken auslösen kann.

Ein weiterer zentraler Baustein ist die Stressregulation. Migräne ist keine reine Stresskrankheit, aber Stress ist einer der wichtigsten Verstärker. Besonders relevant ist dabei nicht nur die Belastung selbst, sondern auch die Entlastungsphase danach. Verfahren wie Progressive Muskelrelaxation, Biofeedback oder achtsamkeitsbasierte Methoden haben sich als wirksam erwiesen, da sie die zentrale Reizverarbeitung positiv beeinflussen.

Ein oft unterschätzter Punkt ist der Umgang mit Reizen. Migränepatienten haben eine erhöhte Empfindlichkeit gegenüber Licht, Geräuschen und anderen Sinnesreizen. Ein bewusster, aber nicht übermäßig vermeidender Umgang ist wichtig. Eine völlige Reizvermeidung kann die Empfindlichkeit sogar erhöhen, während eine dosierte Gewöhnung stabilisierend wirken kann.

Auch die kognitive und emotionale Verarbeitung spielt eine Rolle. Katastrophisierende Gedanken, übermäßige Schonhaltung oder Angst vor der nächsten Attacke können die Erkrankung verstärken. Hier können edukative Maßnahmen und verhaltenstherapeutische Ansätze helfen, einen funktionalen Umgang mit der Erkrankung zu entwickeln.

Schließlich ist die Begrenzung der Akutmedikation ein wichtiger verhaltensbezogener Aspekt. Eine zu häufige Einnahme von Schmerzmitteln kann zu einer Chronifizierung im Sinne eines Medikamentenübergebrauchskopfschmerzes führen. Die klare Regel lautet: Akutmedikation an nicht mehr als 10 Tagen pro Monat.

Patienten können sehr viel selbst beitragen, indem sie ihre Erkrankung verstehen, ein Kopfschmerztagebuch oder besser die Migräne-App nutzen. Letztere ist kostenlos unter diesen Namen in den Appstores verfügbar. Auch sollten sie die Therapieempfehlungen konsequent umsetzen. Ebenso sollten Patienten frühzeitig ärztlichen Rat suchen, wenn die Behandlung nicht ausreichend wirkt. Migräne erfordert eine aktive Zusammenarbeit zwischen Patient und Arzt.

Das Interview führte Emma Howe


Akute Migräne gezielt behandeln

Migräne ist eine weit verbreitete neurologische Erkrankung – und weit mehr als nur Kopfschmerz. Sie äußert sich in wiederkehrenden, sehr starken Kopfschmerzattacken, oft begleitet von Übelkeit, extremer Licht- und Lärmempfindlichkeit sowie Sehstörungen.

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