Neurologische Erkrankungen

Neurologie neu denken

Porträt von Prof. Dr. Lars Wojtecki in Arztkleidung mit Brille vor hellem, neutralem Hintergrund.
Als Neurologe begegne ich täglich Menschen, deren Leben sich durch eine Erkrankung des Nervensystems verändert hat. Oft geht es dabei um Diagnosen wie Schlaganfall, Parkinson oder Multiple Sklerose. Doch es geht nie nur um eine Diagnose. Es geht um individuelle Erlebnisse, Pläne und Lebensqualität. Neurologische Erkrankungen betreffen nicht nur Gehirn und Nerven – sie betreffen das Leben.

Mehr als 40 Prozent der Weltbevölkerung – also mehr als drei Milliarden Menschen – sind im Laufe ihres Lebens von neurologischen Erkrankungen betroffen. Sie stellen heute weltweit die häufigste Ursache für Behinderung und den Verlust gesunder Lebensjahre dar. Dennoch stehen sie in der öffentlichen Wahrnehmung häufig weniger im Fokus als andere große Volkskrankheiten.

Das ändert sich derzeit. Das renommierte Fachjournal The Lancet hat diesem Wandel kürzlich eine eigene Sonderausgabe gewidmet. Bereits dies zeigt, welche Bedeutung neurologische Erkrankungen heute für Medizin und Gesellschaft besitzen.

Über Jahrzehnte war Neurologie vor allem die Wissenschaft der Diagnostik und der Behandlung bereits eingetretener Schäden. Heute sprechen wir zunehmend über Prävention, Früherkennung und Gehirngesundheit. Die Frage lautet nicht mehr nur: Wie behandeln wir neurologische Erkrankungen? Sondern auch: Wie können wir sie verhindern oder zumindest hinauszögern? Die Erkenntnisse dazu sind ermutigend. Man geht davon aus, dass durch Prävention nahezu die Hälfte aller Demenzerkrankungen und beinahe 80 Prozent aller Schlaganfälle vermeidbar wären. Bewegung, gesunde Ernährung und soziale Aktivität gehören zu den wirksamsten Maßnahmen überhaupt – lange bevor eine neurologische Erkrankung überhaupt entsteht. Gehirngesundheit beginnt nicht erst im Alter und nicht erst mit den ersten Symptomen. Sie begleitet uns von Kindheit und Jugend bis ins hohe Lebensalter.

Gleichzeitig erleben wir eine wissenschaftliche Entwicklung, die noch vor wenigen Jahren kaum vorstellbar gewesen wäre. Neue Biomarker ermöglichen eine immer präzisere Therapie. In einigen Bereichen können wir heute Krankheitsverläufe beeinflussen, die lange als unveränderbar galten. Die Neurologie tritt, wie es das Lancet-Editorial formuliert, in eine biologisch informierte Ära ein. Doch wissenschaftlicher Fortschritt allein genügt nicht. Innovationen müssen die Menschen erreichen. Neue Möglichkeiten helfen nur dann, wenn sie in eine zugängliche Versorgung eingebettet werden.

Ebenso wichtig erscheint mir die gesellschaftliche Wahrnehmung neurologischer Erkrankungen. Viele Symptome sind unsichtbar: Konzentrationsstörungen, Fatigue und Gedächtnisprobleme oder Gefühlsstörungen. Deshalb brauchen wir auch Awareness – mehr Aufmerksamkeit und Verständnis für die Lebensrealität von Betroffenen. Dazu gehört auch die Erkenntnis, dass neurologische Unterschiede Teil menschlicher Vielfalt sind. Die Diskussion um Neurodiversität hat dazu beigetragen. Der Mensch sollte nicht ausschließlich über Defizite definiert werden. Menschen sind mehr als ihre Diagnose. Sie besitzen individuelle Fähigkeiten, Erfahrungen, Talente und Perspektiven.

Hinter jeder neurologischen Diagnose steht ein Mensch mit seiner eigenen Geschichte. Der Erfolg moderner Neurologie wird sich nicht allein an neuen Medikamenten oder Technologien messen lassen. „Leben mit“ neurologischen Erkrankungen bedeutet nicht nur, mit einer Krankheit zu leben, sondern trotz Herausforderungen ein selbstbestimmtes und erfülltes Leben zu führen.

Autor: Prof. Dr. Lars Wojtecki, Neurologe und klinischer Neurowissenschaftler mit eigener Praxis in Neuss, Lehrbeauftragter an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf

Lass einen Kommentar da

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Weitere Inhalte von:Neurologische Erkrankungen

0 %